S.Fischer 2017
S.Fischer 2017

Carlos Ruiz Zafón – Das Labyrinth der Lichter

 

Schließung vieler offener Fäden

 

Das letzte Werk der vier Bände, über Jahre hinweg von Zafón erstellt, ist einfach viel.

 

Viele Seiten, viele Erzählfäden, die zu großen Teilen auch aus den anderen drei Bänden in dieses Werk herüberreichen. Eine fast unüberschaubare Anzahl an Charakteren, von denen Alicia Gris als neue Hauptfigur (und diesen Band tragende Figur) hinzutritt.

 

Eine Menge Stoff mit ebenso vielfachen literarischen Anspielungen vom „Friedhof der vergessenen Bücher“ und eine Begleitung Daniels nun in das verantwortliche Leben als „frischer Vater“ hinein, mit dem Daniel Sempere innerlich so einigem Wanken ausgesetzt ist und ebenso vielen Unsicherheiten.

 

Gut, dass Fermin, sein engster Freund und souveräner Lebemann ihm energisch zur Seite steht. Was eben auch „viel“ ist. Denn so anregend für eine Weile die überaus ironisch-gestelzte und erotisch-derbe Ausdrucksweise Fermins auch immer wieder für Auflockerung sorgt („Besser nicht, es beschert mir eine Nachtlatte, mit Verlaub“), teilweise wird auch das einfach „zu viel“, wenn man sich als Leser ständig konzentrieren muss, um einigermaßen auf der Höhe der Ereignisse zu bleiben.

 

Während eben diese Ereignisse um die Polizistin Alicia Gris dunkle Seiten der Vergangenheit in breiter Form ins Gedächtnis rufen und in der Buchhandlung „Sempre &Söhne“ die Spuren zusammenlaufen, die Inhalte sich verdichten und zudem das (fiktive) Werk des (fiktiven) Schriftstellers Juliàn Carax sich durch ein mysteriöses Buch im Besitz eines verschwundenen Ministers (mit eben erwähnter tiefdunkler Vergangenheit) vervollständigt.

 

Poesie und Thriller, der Versuch eines harmonischen Lebens auf Daniels Seite und grausame Seiten der spanischen Geschichte, Fiktionen und Intrigen, all das führt Zafón im letzten Band der Reihe zu einem großen Ganzen zusammen. Was dennoch, trotz teils spannender Wendungen und recht flüssiger Erzählweise nicht immer einfach zu lesen und zu verstehen ist und manche Länge auch beinhaltet. Wobei es vielfach entschädigt, wie gut es Zafón versteht, die Enge, das Misstrauen, die Gefahr zu Zeiten des Franco-Regimes in Spanien ins Spiel zu bringen und dem die Welt der „Freien Gedanken“ in der Literatur und im Traum oft zur Seite zu stellen. Wobei die teils harte Gewalt, die Zafón lakonisch schildert, hier und da auch gute Nerven benötigt.

 

Wobei auch Mysteriöses und leicht Magisches seinen Platz auch in diesem Band noch findet, wenn auch die Blickrichtung sich deutlich mehr der „nackten Realität“ jener Jahre zuwendet.

 

Vielfache Dialoge, Verästelungen, Buch im Buch und innere Verbindungen von Figuren, die auf den ersten Blick nicht immer offensichtlich sind, führen zu einer breiten Verschachtelung der Ereignisse, die eine literarische Herausforderung darstellen. Und immer wieder aufgelockert wird, nicht zuletzt durch „Buddy-Elemente“ bei den Ermittlungen um den verschwundenen Minister herum.

 

„Und was kann es in einem Fall wie diesem ihrer Meinung nach für eine Logik geben“?

„Das, was sie die Logik des Trugbildes nennen“.

 

Was nun ist real, was Trugbild? Emotional packt es den Leser durchaus, dieses Ergehen der Figuren auf den fast 1000 Seiten, wobei es nicht von Nachteil ist, die anderen drei Bände bereits gelesen zu haben. Denn erst dann erschließt sich der gesamte Kosmos dieser magischen „Zaubergeschichte“ in einer realen, dunklen und harten Zeit.

 

Keine einfache Lektüre, in manchem ein „zu viel“ und immer in großer Breite bietet das Werk dennoch einen guten, passenden und würdigen Abschluss der Geschichte um die Familie Sempere und den „Friedhof der vergessenen Bücher“.

 

 

M.Lehmann-Pape 2017