C.H.Beck 2012
C.H.Beck 2012

Charles Dickens – Reisender ohne Gewerbe. Nachtstücke

 

Die andere Seite

 

Zum 200. Geburtstag des englischen Romanciers wird deutlich, dass er in keiner Gefahr steht, vergessen zu werden und das ist schon einmal gut so. Das neben den großen Romanen, den Welterfolgen, dem zentralen Thema der sozialen Verhältnisse im Großbritannien seiner Zeit noch andere Seiten von Dickens beachtenswert sind, dafür steht diese Sammlung von Essays, die sicherlich dem breiten Publikum nichtunbedingt allzu vertraut sind.

 

In seinen späten Jahren hat Dickens immer wieder hier und da in Zeitungen veröffentlicht. Kluge Blick auf den Alltag, die der „Reisende ohne Gewerbe“, wie er sich selbst nannte, zu Papier brachte. Beobachtungen und Eindrücke, die nun , wunderbar ergänzt durch biographische Hintergrundinformationen in diesem schmalen Band vorliegen.

 

Punktgenau vermag es Dickens Kraft seiner bildreichen Sprache, den Leser in ganz alltägliche Momente mit hinein zu ziehen. Erwähnt sei nur seine Beschreibung der Schlaflosigkeit, derer „zweier Gehirnhälften“, von denen die eine wache die andere matte betrachtet und wie nun seine Gedanken vor sich hin fließen, von Irving zu Franklin zum Ort Niagara und zur Fahrt mit dem Heißluftballon. Fantasiereich und assoziativ sieht der Leser den Mann fast vor sich, der mit aller Konzentration versucht, einzuschlafen und doch gerade ob dieses Versuches wacher und wacher wird und nebenbei in tagesaktuelle Dinge wie die Frage nach der Strafe für Überfälle wie nebenbei seine humane Sicht der Dinge mit einfließen lässt. Sowohl die sprachliche Kraft und Qualität, als auch das Wesen Dickens finden in diesem und den anderen Essays nachhaltigen Ausdruck als ganz hervorragende Lektüre.

 

Sieben Essays zu unterschiedlichen Anlässen, von Neujahr über die Nachbarschaft bis zu einem Gang die Themse entlang warten mit ihrer feinen Sprache darauf, entdeckt und erforscht zu werden.

 

Ein wunderbares Buch und eine wunderbare Ergänzung zum „großen“ Werk Dickens, das sicherlich einen noch andern Blick auf Dickens zulässt und, vor allem, vieles von seiner eigenen, inneren Haltung mitteilt.

 

M.Lehmann-Pape 2012