Nagel und Kimmich 2016
Nagel und Kimmich 2016

Charles Lewinsky – Andersen

 

Von der ersten Seite an sprachlich und inhaltlich packend

 

Teils lapidar mit ganz einfach strukturierten Sätzen, teils intensiv bildkräftig, immer aber emotional den Leser mitten hineinnehmend, so setzt Lewinsky in diesem ganz originären, von der Geschichte her andersartigen Roman seine eloquenten, sprachlichen Fähigkeiten ein.

 

Wobei umgehend auch auf die bestens treffende Umsetzung der Ereignisse im Titelbild des Buches hingewiesen werden muss. Selten trifft das Cover eines Buches so punktgenau den Inhalt.

 

„Ich habe beschlossen, Andersen zu sein. Ich bin Andersen, ich gehe aus der Tür. Und dann: nichts“.

 

Erst einmal.

 

Denn jener Andersen, der nicht immer Andersen war, ist ja da. Wie er mit Befremden zunächst feststellt. In totaler Dunkelheit. Ohne Orientierungsmöglichkeit. Aber hört er nicht leichten Wellengang? Sind da nicht, wie durch eine dicke Membran gedämpft, Stimmen? Auch Musik?

 

„Hat mich eine Kugel getroffen? Wir sind im Krieg!“.

 

Langsam, ganz langsam kehrt sein Bewusstsein zurück. Und plötzlich die Erkenntnis, dass er beide Hände besitzt. Was für Andersen eine höchst schockierende Erfahrung darstellt, denn er weiß doch, dass ihm eine Hand fehlt. Fehlte.

 

Und er erinnert sich. Und führt den Leser mit diesen ersten Erinnerungen im Buch in eine Welt der Härte, der Brutalität, des Grauens. In die Seele eines Mannes, der nicht nur irgendwie Verhöre durchgeführt hat, sondern der ein Meister der Folter wohl gewesen ist. 

 

Doch nun, was passiert? Langsam dämmert dem Mann, besser gesagt, dem „Bündel von Erinnerungen“, das er eine zweite Chance erhalten könnte.

 

„Wenn die Gedanken keinen Sinn ergeben, liegt es an dem, der sie denkt. Ich kann nicht glauben, was ich denke. Und wenn es doch richtig ist?“.

 

Auf jeden Fall aber bleibt ihm noch Zeit. Sich vorzubereiten auf jene zweite Chance. Vielleicht auch auf mehr als eine Chance noch. Und Andersen wird innerlich vorbereitet sein, wenn es „losgeht“. Er, der Meister der Manipulation, skrupellos, nur strategisch, nie moralisch denkend, wird der Welt von Beginn an noch einmal und noch klarer zeigen, wo es langgeht. Wege finden, seinen Willen dem Geschehen aufzuprägen.

 

Hin- und hergerissen folgt der Leser fasziniert dem Geschehen. Hin- und hergerissen zwischen dem Abscheu, den dieses menschliche Monster hervorruft und der Genialität, mit der Andersen mit allen Mitteln (auch zunächst, ohne sprechen zu können) alles und jeden manipuliert, „sich erzieht“.

 

Und zwischen dieser ganz eigenen Ideenwelt Lewinskys, der eine sehr originäre Idee umsetzt, der auch den Leser mitfiebern lässt, ob aus diesem Andersen noch etwas Anderes werden könnte. Ob für jene, aus deren Perspektive Lewinsky später dann auch erzählt, Erkenntnis möglich ist und Gegenwehr.

 

Von Beginn an bis zum Ende bleibt der Leser so innerlich dabei, folgt fasziniert dem Geschehen. In einer Sprache und einem Stil, der wie ein Sog mit hineinzieht. Auch wenn in manchen Teilend es Buches die Erinnerungen des „Andersen“ weitschweifig werden, ein stückweit zu sehr abrücken von dieser zynischen Seele, die den Hauptstrang der Erzählung bildet.

 

Eine hervorragende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2016