btb 2014
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Christian Jungersen – Du verschwindest

 

Was macht die Person zur Person?

 

„Nachdem ich ihn einmal geschlagen habe, kann ich nicht mehr aufhören……mit so einem Mann kann ich nicht leben……das kann niemand von mir erwarten“.

 

Und dabei erwartet Mia das am ehesten noch von sich selbst, trotz vieler, innerer Schwankungen. Trotzdem sie nicht müde wird, auch für sich selbst das „ganz normale“ Familienleben wieder zu erhoffe, zu behaupten. Frederik muss doch noch da drin sein.

 

„Früher hätte ich gedacht: „mit meinen beiden Männern, aber heute Abend denke ich: mit meinen beiden Jungs“.

 

Ein Gehirntumor ist entdeckt worden im Kopf des hoch erfolgreichen und allseits geachteten Rektors einer Privatschule, Frederik.

 

Intelligenz, Sprachvermögen, Erinnerungsvermögen, alles noch da, nicht beschädigt. Doch plötzlich fällt jede Empathie weg, der „Kranke wird zu einem furchtloseren, einfacheren Menschen“.

 

Von dieser Ausgangslage her konzipiert Jungersen seinen neuen Roman und das beileibe nicht als etwa die „Beschreibung eines Pflegfalles samt aufopfernden Pflege durch die Ehefrau“.

 

Denn in diesen und um diesen Tumor herum erzählt Jungersen die Geschichte Mias, die Geschichte Frederiks und die Geschichte ihrer Beziehung mit. Auch Mia wirkt, nicht erst seit der Diagnose, wie eine „Person außer Balance“, hat Assoziationen, die nicht sonderlich gefestigt wirken, ist mit dem Kopf immer gleich bei allen Eventualitäten und hat ebenfalls keine Scheu, Bitterkeit, Sorgen, Egoismen umgehend auf Frederik abzuladen. So manches Unrunde, so manche verletzten Gefühle aus der Vergangenheit.,

 

Denn allein auf sich bezogen, das war in weiterer Vergangenheit ebenfalls schon hier und da zu erkennen bei ihrem Mann. Karriere ging vor Familie. Einsamkeit war Mias ständiger Begleiter. Und hier und da auch die ein oder andere Frau, die Frederik nicht von der Bettkante gestoßen hatte.

 

Nur der gemeinsame Sohn Niklas hat sie durchhalten lassen. In ihren Augen zu Recht, denn seit drei Jahren läuft es rund, ist die Liebe spürbar im Raum.

 

Doch nun nistet sich der Gedanke gefährlich in ihr ein, dass nicht die Egoismen ihres Mannes, sondern die Harmonie in der Ehe Folgen des damals bereits langsam wachsenden Tumors gewesen sein könnten.

 

Und dazu die ständige Unruhe, was er wieder anstellt. Wenn er der Freundin seines Sohnes bei der ersten Begegnung in derben Worten Beischlaf mit sich anbietet. Wenn er Mia „feistes Stück Scheiße“ nett, und das nicht nur einmal. Wenn er seinen besten Freund zusammenschlägt, weil der ihn hindern will.

 

Und noch ganz andere Sachen werden ans Tageslicht kommen, was diesen „untadeligen Schulleiter“ betrifft. Handlungen, dunkle Geschäft, die Reputationen zerstören und drohen, die Familie zu Parias zu machen.

 

Welche Seiten lebt ein Mensch in welchen Momenten? Was steckt als Kern drin? Was ist krankhafte Veränderung, was nur das hinweg Ziehen vorher schon vorhandener, aber unter einer dünnen, zivilisierten Tünche verborgener „eigentlicher einfacher“ Person?

 

Was Tun in der Beziehung? Bleiben oder Gehen? Hervorbrechende Wut oder Verzweiflung oder Resignation? Was holt eine solche Konstellation plötzlich aus der eigenen Person zum Vorschein, was man auch von sich selbst nie für möglich gehalten hätte?

 

Spannende Themen, die Jürgensen sich kompetent erschlossen hat und die er in einer sehr klaren und gerade Sprache in hohem Tempo vorlegt. So entsteht durchaus für den Leser ein Sog durch die Geschichte, ein emotionales hin- und hergeworfen werden, in dem sich die Situation der Protagonisten wunderbar spiegelt und in welchem die Neugier auf den Fortgang, auf weitere Geheimnisse aus der Vergangenheit und den weiteren Verlauf des Lebens mit solch starken Veränderungen hoch gehalten wird.

 

„Bei der Krankheit deines Mannes weiß man nicht mehr, für wen man sich opfert. Das ist hart“. Denn wer steckt in dieser nur mehr äußerlich vertrauten Hülle? Oder steckt in jeder Hülle eigentlich was ganz anderes, als was im „alltäglich-angepassten Leben“ sichtbar ist?

 

 

Eine hoch interessante und durchaus auf ihre Weise auch spannende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014