Goldmann 2014
Goldmann 2014

Christina Baker Kline – Der Zug der Waisen

 

Kleinod

 

„Das wird lustig“, sagt er laut.

 

„Du wirst nicht reden, junger Herr, du wirst dich jetzt hinsetzen und dich wie ein Gentleman benehmen“.

 

Also wird es wohl nicht lustig werden, auch wenn der Junge im Zug lässig bleibt und betont: „Schüchternheit bringt dich nicht weiter“.

 

Zumindest wirkt der geschätzt 12,13jährige Junge ziemlich stabil auf Vivian, die der Leser zu Beginn des Buches in der Gegenwart des Jahres 2011 bereits kennenglernt hat.

 

Die mit bangen Gedanken mit den anderen Waisen gerade auf dem Weg von New York „aufs Land“, in den mittleren Westen der USA ist.

 

Die Hintergründe mögen verschieden sein, doch all die Kinder eint das harte Schicksal des Verlustes der eigenen Familie. Und nun werden sie ebenso aus ihrem gewohnten Umfeld der Stadt genommen. Es verbleibt die Hoffnung, überhaupt „genommen“ zu werden von einer Pflegefamilie und es dann einigermaßen leidlich dort anzutreffen.

 

In einer Zeit Ende der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, in der von „Rechten des Kindes“ oder empathischen Erziehungsmethoden an sich weit und breit nicht viel zu hören war. In der Kinder, gerade rechtlose, fremde Kinder mit kühlem Blick auf ihre Tauglichkeit für Arbeiten gemustert werden denn mit mitleidigem Blick für ihr hartes Los.

 

Ein Geschehen, von dem die hochbetagte Vivian der Gegenwart im Rückblick erzählt und das in eher nüchternen, beschreibenden Tonfall, das den Leser umso mehr an den entscheidenden Stellen emotional trifft. Und ihn diese Lebensgeschichte des jungen Mädchens unmittelbar miterleben lässt.

 

Vivian ist klug, nimmt das unvermeidliche hin und sucht (und findet) ihren Weg durch die Fährnisse jener „Verschickung“. Doch ein einfacher Weg ist dies wahrlich nicht, den Baker Kline stellvertretend für zigtausende von „verschickten Waisen“ jener Zeit im Buch ausbreitet.

 

Im Übrigen, dafür steht die Rahmenhandlung des Buches der Gegenwart der alten Dame, die ein stückweit ein ebenso verlorenes Wesen wie sie selbst es damals war unter ihre Fittiche genommen hat, sind es gerade die vom Leben mitgenommenen, auffälligen Kinder und Jugendliche, bei denen besondere Empathie ein wichtiges Instrument des Umganges wäre. Was auch in der Gegenwart allzu oft noch Mangelware ist.

 

Diese Empathie ist letztendlich auch der hintergründige Kern der Geschichte. An der alten Dame Vivian zeigt Baker Kline auf, wie es „richtig“ wäre und wie ein innerer Kontakt zustande kommen kann, auch zu schwierigen Jugendlichen wie der 17jährigen Molly, die bereits mehrmals die Pflegefamilie wechseln musste, am Ergehen Mollys und, vor allem, Vivians in der Zeit von 1929 bis zum Anfang der 40er Jahre finden sich vielfache, emotional auch hart zu lesende, mannigfaltige Beispiele, wie es eben „nicht richtig“ wäre und ist.

 

Auch wenn das Verhalten mancher schwieriger Jugendlicher die Geduld der anderen auf eine harte Probe stellen mag.

 

Eine anregende, teils emotionale, durchgehend interessante Lektüre.

 

 

M.Lehmann-Pape 2014