Droemer 2011
Droemer 2011

Christina Lopez Barrio – Der Garten des ewigen Frühlings

 

Magie des Lebens

 

Wer glaubt schon, dass seit Jahrhunderten die Frauen einer Familie immer wieder das gleiche Schicksal zu erleiden haben? Eine Liebe finden, ein Kind bekommen, dann aber in schöner Regelmäßigkeit von der Liebe verlassen werden (auf die ein oder andere Weise) und, zudem, immer nur weibliche Nachkommen zur Welt bringen.

 

Kaum zu glauben und auch Clara, Tochter dieser Familie, hält diese alte Geschichte auf keinen Fall für einen Fluch, sondern eher für abergläubisches Gerede. Bis es sie selber trifft. Genauso, wie alle Frauen der Familie in der langen Kette der Ahnen.

 

Dies ist die Situation, die Christina Lopez Barrio zum Ausgangspunkt ihres neuen Romans zu Grunde legt. Mit einer kleinen, aber wichtigen Veränderung zum Schicksal all ihrer Vorgängerinnen. Zwar wird auch Clara vom „Mann ihres Lebens“ verlassen, dieser aber hinterlässt ein Haus mit einem alten, großen Garten als Geschenk an sie. Ein Garten, der ein Eigenleben führt, könnte man sagen, vor allem aber ein Garten, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Ein Garten des immerwährenden Frühlings, während außerhalb des Hauses die Jahreszeiten kommen und gehen. Ein Refugium, ein Rückzugsort, bald der Lebensort Claras, in dem sie ihre Tochter aufzieht. Und damit einen (weiblichen) Familienclan gründet, der über Generationen hinweg hier seine Zuflucht und seine innere Heimat findet, an dieses Haus gebunden bleibt. Obwohl auch Claras Tochter sich verlieben wird. Und verlassen werden wird. Und eine Tochter zur Welt bringen wird. Wie auch die Tochter der Tochter Claras. Und die Tochter der Enkelin Claras.

 

Um diese „rote Villa“ und den Garten herum gruppieren sich im Lauf der Jahre viele Personen. Dorfbewohner, die argwöhnisch den immer blühenden Garten betrachten. Töchter und Nachkommen, die im Haus leben. Männer, die sich den jungen Töchtern nähern und wieder verschwinden. Priester, die Zugang suchen und doch so recht keinen finden werden. Ein Ort des Dramas, denn Harmonie ist es nicht, welche zwischen den Müttern und Töchtern herrscht. Gerade Claras Tochter lebt in Furcht vor der Mutter über deren Tod hinaus, sorgt sich, dass der Geist der Mutter das Grab verlassen könnte, um durch den Garten zu streifen. Aber auch im weiteren Verlauf der „Töchtergeschichten“ liegt hier keine geborgene Familiengeschichte vor. Claras Enkelin wird sich dem Geliebten ihrer Tochter hingeben. Eine Szene, in der Blut fließen wird und der Tod (wieder einmal) Einzug hält in der „roten Villa“. So ist ein Satz einer Tochter im Buch symbolisch für die gesamte „Frauengeschichte“ der Familie. „Leb wohl Mutter, wir rechnen noch miteinander ab!“.

 

Doch dann wird die endlose Kette unterbrochen. Einer der Nachkommen Claras wird ein Sohn geboren, Santiago. Wird damit das Drama ein Ende nehmen?

 

Eine in Teilen verstörende Geschichte der untrennbaren Aneinanderkettung von Ereignissen und Personen legt Christina Lopez Barrio vor, die mit Magie und dem Geist der „Stammmutter Clara“ eher unglückselige Geschichten miteinander verbindet und eine Geschichte leidenschaftlicher unerfüllter Lieben. Sprachlich durchaus mit literarischem Anspruch erzählt zeigt das Buch allerdings auch Längen und ist nicht immer einfach im Zugang. Wie aber das gemeinsame Leben, die Familiengeschichte und die Stärke der jeweiligen Mutter die Generationen prägt, wie untrennbar all diese Frauen miteinander verbunden sind, das ist intensiv erzählt und bleibt nachhaltig nach der Lektüre im Raum.

 

M.Lehmann-Pape 2011