Ullstien 2013
Ullstien 2013

Christine Weiner – Drei Frauen im R4

 

Urlaub in und mit der Vergangenheit

 

„Wenn schon, dann richtig“.

So denken es sich die Kinder und schenken ihren beiden Müttern und deren Freundin Trudi eine Nostalgiereise.

 

Wenn schon, dann aber auch stilecht. Samt einem alten, gebrauchten R4, der den Dreien zu ihrem „150ten“ Geburtstag vor die Nase gestellt wird. Samt Verhaltensregeln.

Wie damals hat das zu sein. Kein Handy, keine modernen Straßenkarten. 25 € als „Tagesration“ (für alle, natürlich, denn damals war man arm, lebte in WG´s, brachte den Feminismus nach vorne und war ansonsten mit Batiken beschäftigt), keine Hotels, keine Kreditkarten.

 

Von der Kleidung über den altersschwachen Kassettenrekorder im Auto, von den alten „Mix-Tapes“ über Isomatte und Schlafsack, vom Vermeiden von Autobahnen (ideologisch und wegen der PKW-Maut in südlichen Ländern, bis hin zum Verzicht auf solche Dinge wie Zahnpasta (wofür gibt es ökologisch korrektes Zahnsalz) wird alles auf 1980 gestellt.

 

Übrigens nicht zur Begeisterung aller Teilnehmerinnen. Gerade Trudi, erfolgreiche Managerin, kann sich für ihren Rücken, für ihre Haare, im Blick auf die wallenden Kleidungsstücke und die zersessenen Sitze des R4 alles andere vorstellen, nur nicht, wieder „auf 20 zu machen.

 

Voller Humor schildert Christine Weiner nun dieses nostalgische Projekt, lässt ihre Protagonistinnen umgehend in alte, längst vergessene Verhaltensweisen fallen (und dabei auch die alten, inneren Verbindungen wieder lebendig werden) und bietet so eine humorvolle Situation nach der anderen, die gerade jene Leser, die ebenfalls diese Jahre „aktiv“ miterlebt haben, oft und oft auf den Punkt gebracht „zurückführt“.

 

In Baumwollunterwäsche, verbrannte BH´s, zu Hermann van Veen, Spliff, Georg Danzer, Crosby, Stills, Nash and Young und Ulrich Roski. Zu den Erinnerungen an die „alten Helden“ der Wohngemeinschaften und der Schlange von 250 Frauen, die anstanden, um auch einmal erhört zu werden (jener Held, der heute kahlköpfig als Streetworker nur mehr vom Glanz alter „Heldentage“ zehrt). Bis zur Sprache von „Stark“ über „Saustark“ bis zu „Bockstark“ und gar zur Lektüre des „Tod des Märchenprinzen“, das schon damals niemand wirklich bis zu Ende gelesen hatte, ohne jede Lust auf Erotik zu verlieren.

 

Und natürlich geht das alles nicht einfach so harmonisch ab. Genügend Gründe für gegenseitiges Generve findet sich schon nach 30 Minuten Fahrt bei der ersten Kaffeepause.

 

Auch wenn so manche Situation eher zum Slapstick hin dreht, übertrieben wirkt, sich ab und an deutlich gewollte (und daher nicht so mitreißende) Situationskomik einstellt, im Gesamten trifft Weiner durchaus den Ton der 80er Jahre, läst nostalgische Gefühle einerseits in den Vordergrund treten, zeigt aber auch (mit Augenzwinkern) auf, wie naiv und zwanghaft vieles damals auch künstlich betrieben wurde. Patchuliduft, künstliche Bewertung der „Mann-Frau Dinge“ bis hin zur feministisch-politisch korrekten Sprache kann man doch froh sein, dass diese Zeit „ihre Zeit hatte“.

 

Von den Urlauben mit wenig Geld, der Offenheit den Begegnungen gegenüber, der emotionalen Kraft der Musik und anderen Dingen aber ist es ein melancholischer, gut getroffener und humorvoller Rückblick auf ein ganzes Zeitgefühl. Wobei Weiner nicht vergiss, auch die Gegenwart ihrer Figuren mit in den Blick zu nehmen und zu fragen, warum so vieles auch an Gutem jener Tage aus dem Leben verschwunden ist.

 

Unterhaltsam, einfach in der Sprache manchmal über das Ziel hinausschießend, meist aber auf den Punkt geschildert und im inneren Erleben der Figuren gut getroffen liest sich dieses Buch gerade für jene, die es damals miterlebet haben, flüssig und setzt Erinnerungen frei.

 

M.Lehmann-Pape 2013