dtv 2012
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Christopher Kloeble – Meistens alles sehr schnell

 

Eine ganz andere Sohn-Vater Geschichte

 

Wenn Fred nicht täglich an der Bushaltestelle des kleinen Ortes Königsdorf stehen kann, um die vorbeifahrenden Autos zu zählen, allerdings nur die Grünen, dann steht sein Leben fast Kopf, dann spüren alle, dass sich ein Unglück, eine fast innere Auflösung zusammenbrauen.

 

Fred, der „Held der Bushaltestelle“, der 1977 ein kleines Mädchen im Kinderwagen vor einem Busunglück gerettet hat. Einem Unglück, dem andere, auch die Mutter des Mädchens, zum Opfer gefallen waren. Und der dennoch im Dorf ein Exot, ein „Depp“ ist.

 

Fred, der nun über 60 Jahre alt wird, aber immer noch und seit ehedem geistig wie ein kleines Kind agiert. Fred, der über seinen Großvater und seine Großmutter durch Inzest eine geistige Behinderung immer schon trug. Im Übrigen, zu Zeiten damals, war ein solches Schicksal beileibe kein Einzelfall in diesem abgeschiedenen Dorf. Eine innere Geschichte, die Kloeble als zweiten Erzählstrang in seine eigentliche Geschichte einfügt, die alte Geschichte der Geschwister Anni und Josef mit ihren Eltern, die Geschwister waren in diesem Dorf, dessen Einwohner beim „Zeugen von Nachwuchs nicht immer wählerisch waren“.

 

Fred stammt aus dieser Linie. „Fred war eben Fred“, sagt sich Albert, sein Sohn, der nach dem frühen Tod der Großmutter natürlich nicht mit Fred alleine im Dorf leben konnte, dazu wäre Fred gar nicht in der Lage gewesen. Eigentlich nämlich war Albert bereits von Kindesbeinen an der „Vater“ Freds, der, der sich kümmern musst. So wuchs Albert in einem Waisenheim auf, steht nun kurz vor dem Abitur und erfährt, dass Fred nur mehr wenige Monate zu leben hat.“Mama sagt, alle Liebsten Besitze sterben irgendwann“.

Zeit für Albert, sich der eigenen Geschichte zu nähern. Zeit, zu erfahren, wer eigentlich seine Mutter war und wie das überhaupt hätte gehen können mit Fred, ein Kind zu zeugen.

 

Albert begibt sich auf die Reise. Mit Fred. Mit sich selbst. Im näheren Umfeld des Dorfes, im Waisenhaus, bei seiner Betreuerin, Schwester Alfonsa und verzweifelt fast, denn nichts wirklich Griffiges bietet sich, weder in der Kanalisation des Dorfes (wo Fred eine Schatzkiste versteckt hat) noch im Aufrollen der Vergangenheit.

 

In bester Weise vermeidet Christopher Kloeble es, diese anrührende, andersartige Geschichte in eine Satire abgleiten zu lassen. Durchaus ernst zu nehmen sind seine Figuren, spürbar die Spuren, die all dies beim nun 19jährigen Albert hinterlassen hat, der es nie über sich brachte, Fred als „Vater“ zu bezeichnen. Spürbar auch das Innenleben Freds, das eine ganz eigene Welt darstellt. Melancholisch ist der Unterton des Romans, eine Geschichte voller Geheimnisse, die gut verborgen im Hintergrund liegen. Ganz anders als gewohnt auch die Geschichte, die Kloeble von den Altvorderen zu erzählen weiß, von den Geschwistern Anni und Josef, Freds Mutter und Onkel. Auch dessen Geschichte wird erzählt, er selbst taucht allerdings erst ganz zum Schluss in der Gegenwart auf. Dann aber entscheidend.

 

Anrührend und bewegend lässt Christopher Kloeble seine differenziert und emotional tief gezeichneten Figuren ihren gemeinsamen und je eigenen Weg suchen, rekapitulieren und gehen. Sprachlich mit hoher Qualität und differenziert zeigt er ebenso sensibel die verschiedenen Hoffnungen und Dramen der Lebenswege auf, die über ein ganzes Jahrhundert in dieser oberbayrischen „Heimat“ reichen und erstaunliche, teils dramatische Wendungen nehmen. Ein ganz anderes, vor allem aber in sich rundum stimmiges Leseerlebnis.

 

M.Lehmann-Pape 2012