Goldmann 2014
Goldmann 2014

Christopher Moore – Der Schelm von Venedig

 

„Shylock“ trifft „Othello“

 

„Ist mir egal. Mir ist alles egal. Schickt mich ins große Nichts, dann werde ich endlich eins mit meinem Herzen, meiner Liebe, meiner Königin!“.

 

So spricht Fortunato, genannt Pocket, der kleine Narr, Königsgemahl der verstorbenen Cordelia, Königin von Britannien, Frankreich etc. pp..

 

Gerade noch hat er Senator Brabantio, der ihn gefangen gesetzt hat und gerade dabei ist, den kleinwüchsigen Mann einzumauern, kühl und wortreich verhöhnt.

 

Doch nun muss er erfahren, dass seine Cordelia nicht eines natürlichen Todes gestorben ist, sondern Opfer einer der vielfachen Intrigen wurde, die Ende des 13. Jahrhunderts durch Europa wabern. Natürlich oft und fast immer sich in und um Venedig verdichtend.

Im Bruderkampf mit Genua zwar zur Zeit auf der Verliererstraße, aber das wäre ja gelacht, wenn nicht der starke General, der Mohr Othello der Republik wieder die nötige Geltung gegenüber Rom und Genua verschaffen könnte.

 

Wobei, auch hier wird es diffizil, Othello ist der Schwiegersohn des Brabantio, Ehemann dessen Tochter Desdemon: Sollte Brabantio etwas zustoßen (und keine Sorge, das wird es), dann fällt einer der wichtigen Senatorenposten in Venedig per Erbrecht Othello zu. Und wer will das schon?

 

Vor allem einer nicht. Jago. Strippenzieher par excellence, genauso hart und vernarbt wie Othello, doch ohne dessen weichen  und liebesfähigen Kern.

 

Da trifft es sich gut, dass sich Othello und Pocket bereits bekannt gemacht haben. Denn mit dem klugen Narren an seiner Seite, der zudem aufs Höchste zur Rache angestachelt ist, können gewichtige Kräfte ins Feld geführt werden.

 

Falls Pocket aus der eingemauerten Nische tief unterhalb des Hauses einen Ausweg findet.

 

Der „Kaufmann von Venedig“ und „Othello“  mitsamt einigen Momenten aus „König Lear“ sind die Stücke Shakespeares, die Moore seinem neuen Roman zugrunde gelegt hat, deren „Personal“ er weitgehend übernimmt (einige Personen beider Stücke fasst er zusammen, die ein oder andere Figur tritt hinzu) und den „Geist“ beider Stücke kulminiert Moore mit großem Wortschatz und vielfachen, offenkundigen bis hintersinnigen, Humor zu einem wunderbaren Leseerlebnis.

 

Von deftig bis kühl, von „unter der Gürtellinie“ bis intrigant hinter aller Rücken reicht die Palette der Finten, Strategien und Vorstöße und deren sprachliche Umsetzung im Buch. Sicherlich, in den Originaltexten ist jener Moment nicht zu finden , dass „da ein Narr einen Drachen gepoppt hätte“. Aber passen täte es schon, zumindest in der Version, die Moore hier leger und locker in der Sprache erzählt. Wobei er durchaus kunstvoll Tragödie und Komödie ineinander einfließen lässt. „Buddy-Momente“ mit coolen Sprüchen und unverwüstlicher Standfestigkeit ergänzt durch immer wieder den Blick „in die Seele“, in den Schmerz der Protagonisten.

 

Liebe, Tod, Leid, Kampf, Rache, Machtspiele aus je verschiedenen Perspektiven beleuchtet und erzählt zeigen, wie aktuell und immer noch den Punkt treffend Shakespeares Themen und „Psychologie der Personen“ zeitlos bis heute überdauert haben.

 

In ebenso unangestrengter Form wie der vorhergehende Shakespeare-Roman „Fool“ versteht Moore es in bester Weise, seine moderne, freie Sprache flüssig zu setzen, dennoch mit großem Wortschatz bildkräftig und differenziert Feinheiten auszudrücken und so einerseits für Spannung in den Ereignissen zu sorgen und andererseits seine Personen  glaubhaft mit Tiefe zu versehen.

 

 

Eine sehr unterhaltsame und empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014