Goldmann 2012
Goldmann 2012

Christopher Moore – Verflixtes Blau

 

Der Farbenmann schlägt zu

 

Er hat sie alle im Blick, der Farbenmann. Nicht nur Vincent van Gogh (den zu Anfang besonders), nein, auch „einfache“ Menschen lässt er beobachten, selbst wenn sie keine Künstler sind, sondern nur am Rande mit seinem persönlichen Schaffen zu tun haben. Ihm und seiner „Ernte“ in den Weg kommen könnten.

 

Lucien Lessard zum Beispiel, seines Zeichens Bäcker in Paris. Natürlich nicht als Person interessant für den Farbenmann, aber immerhin war dieser ein enger Freund van Goghs und das ist Grund genug, seine Komplizin (sinnigerweise „Bleu“ genannt) mal auf die Pirsch zu schicken. Mit ungeahnten Folgen, denn „Bleu“ hat etwas Tödliches an sich. Und etwas inspirierendes, so dass auch Lucien sich später eine Leinwand greifen wird.

 

Auch der körperliche fast zwergenhafte Henri Toulouse-Lautrec macht sich seinerseits auf die Pirsch. Gemeinsam mit Lucien. Und rückt dem Farbenmann im Lauf der Zeit durchaus für dessen Geschmack zu nahe. Er ist da dann immer für klare Verhältnisse, ginge es nach ihm, würde eine „Spur von Toten“ seinen Weg säumen. Was nun aber „Bleu“ nicht zulassen wird. Denn es sind ja andere Dinge, eigentlich, die das Begehren dieses ungleichen Paares von Farbenmann und schöner „Bleu“ einen.

 

„Blau“ eben. Jene Farbe, von der die Geschichte handelt, jene Farbe, die „nicht zu fassen ist“, „schlau, gewieft, es schleicht sich an, ein öliger Schwindler“ eben. Und mit ein Grund, warum Vincent van Gogh in diesem munteren und sprachlich legeren, abstrus absurden Roman eben nicht, wie alle Welt dachte und denkt, sich selbst erschossen hat.

Er wurde ermordet. Wie er zuvor nicht ohne Grund sich selbst verstümmelte. Alles wegen diesem verfluchten Blau.

Van Gogh hört nicht auf Warnungen, geht aufs Feld, begegnet dem „kleinen, verwurzelten“ Farbenmann. Der fest darauf beharrt, dass van Gogh ihm ein Bild schuldet. Von jenem Blau, dass der Maler eben nur von diesem Farbenmann erhalten kann. Wobei der folgende Schuss sich eher zufällig löst mit dennoch tödlichen Folgen.

 

Und im Folgenden dann der Bäcker Lucien und der Maler Toulouse-Lautrec sich aufmachen, das Rätsel um diesen Tod zu lösen und was das alles mit jener ominösen Farbe Blau zu tun hat, von der van Gogh in den letzten Wochen ganz besessen gewesen war. Und selber wie manch anderer Meister der Malerei in Gefahr geraten werden.

 

Ein Roman, wie von Moore gewohnt, der in Sprache und Ereignissen auf der Grenze von Spannung und Satire wandelt, durchaus absurd in vielen Handlungen und Haltungen seiner Protagonisten geprägt, voller Sprachspiele, mythischer Anklänge, die aber eben nicht pathetische ernst mythisch wirken, sondern sich surreal sich durch das Buch ziehen.

Mit vielfacher Situationskomik, staubtrockenem Humor, mit schrulligem Personal (der Farbenmann ist eine ganz andere Art von Dämon, wenn er überhaupt solchen Gestalten nachempfunden sein sollte). Jener Farbenmann, der von den besten Malern Meisterwerke mit seinem einzigartigen Blau erstellen lässt, nur um diese dann für sich zu beanspruchen. Warum? Wird sich zeigen? Von wem? Nicht nur von van Gogh. Mithilfe „Bleus“, die als Muse die bekanntesten und berühmtesten Maler der Epoche versucht, zu inspirieren. Und ein Ohr angeboten bekommt wegen dem verfluchten Blau.

 

Wobei, keine Sorge, das alles überhaupt nicht verwirrend sich darstellt und auch nicht in völlig mythisch-mysteriöse Gefilde abrutscht (auch wenn es Figuren gibt, die durch Raum und Zeit zu reisen vermögen, auch wenn das „Sacre Bleu“ kein natürlicher Farbstoff ist, sondern von „Bildern geerntet“ werden muss), sondern voller Humor, krachender Satire und oft tollpatschig-hilflos agierender Figuren. Ein sprachlich in ganz eigenem Stil gehaltener Moore eben, der durchaus in seiner Art zu schreiben an den verstorbenen Douglas Adams immer wieder erinnert. Es reicht nicht an vorhergehende Erfolge wie Moores Zuwendung zu Jesus heran, ist aber dennoch eine durchaus empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2012