Verlag Wellhöfer 2010
Verlag Wellhöfer 2010

 Claus Probst – Vermint

Kriegshinterlassenschaften

Claus Probst widmet sich in seinem Roman einem der dunkelsten Themen moderner Kriegsführung (und deren Hinterlassenschaften). Er geht diesen Weg unaufgeregt, beschreibend und mit seiner großen Stärke in der unmittelbaren Beschreibung der inneren Reaktionen der handelnden Personen auf das, was geschieht.

Blohm, aus dessen Perspektive die Geschichte durchgängig erzählt wird, ist Minenräumer. Erfahren, kompetent, er leitet in der Regel an den verschiedensten Orten der Welt die einheimischen Helfer an. Eine Sisyphus Aufgabe, denn nur langsam und vorsichtig können die Räumer entsorgen, was großzügig, gut getarnt und mit modernster Technik versehen ausgestreut wurde an Minen. Eindringlich schildert Probst die Folgen für die Opfer und die Hinterbliebenen, schon die erste Seite des Buches führt mitten hinein ins Thema, mit fast lyrischer Bildkraft beschreibt Probst eine zerfetzt Kuh auf einem Minenfeld, fügt einen Seitenblick auf die menschlich verstümmelten Opfer ein und stellt in gleichem Atemzug seinen Protagonisten Blohm mit wenigen Worten, aber umso treffender vor.

Blohm nämlich befindet sich gleich mehrfach auf vermintem Gebiet. Zum einen als Minenräumer. Zum andere, wie im Verlauf der Geschichte deutlich werden wird, ist er der Sohn eines der weltweit größten Produzenten eben solcher ausgeklügelter Minen. Blohm aber hat die Welt seines Vaters trotz seiner innerlich engen Beziehung zu diesem, in dem Augenblick innerlich verlassen, als er als Kind erfuhr, was sein Vater herstellt und verkauft. Ein vermintes Vater Sohn Verhältnis, dass differenziert strukturiert von Probst feinfühlig dargestellt und dargelegt wird. Das Leben ist komplexer, als es in Schwarz und Weiß darstellbar wäre, ebenso sind es die Figuren von Probst mitsamt ihrer Motive und Handlungen.
Das dritte verminte Feld, auf dem Blohm sich bewegt, ist das Verhältnis zu seiner Tochter. Erfolgreich war er in seinem früheren Leben, bevor er die Reste des Krieges begann, wegzuräumen. Erfolgreich, aber nicht ausreichend als Mann für seine ehemalige Frau. Als diese sich trennte, hat Blohm vom einen zum anderen Tag seinem Leben ein ganz andere Richtung gegeben, Deutschland verlassen und seitdem ist er Weltreisender in Sachen Minen. Seine Tochter allerdings hat er ebenfalls hinter sich gelassen und diese steht nun, mitten im Niemandsland in der Nähe Pristinas vor ihm. Die Verhältnisse klären. Dies ist die innere Geschichte des Romans, die Beziehungsarbeit, der sich Blohm auszusetzen hat.

Neben den eindrucksvollen, fundiert recherchierten und minutiös geschilderten Arbeiten im Minenfeld (faszinierend vor allem jene Szene, in der Schritt für Schritt aus der Perspektive Blohms eine Mine aufgespürt und sodann, im Detail geschildert, von ihm entschärft wird) und einer latenten Spannung im Buch, weil jederzeit ein Unglück geschehen kann, sind diese anderen Minenfelder der eigentliche Handlungsort. Mit allen Schattierungen und inneren Verletzungen begleitet Probst seinen Protagonisten Blohm und legt die vielfachen inneren Fragen und Antriebe offen. Einer, der im wahrsten Sinne des Wortes wie ein Held manches Mal handelt, der aber als Person überhaupt nicht zum Helden taugt und genug damit zu tun hat, der eigenen Verluste, der eigenen Zerrissenheit im Verhältnis zum Vater und zur Tochter Herr zu werden und der, nebenbei, durchaus noch bereit wäre, Liebe zu finden.

Ein unaufgeregt und dennoch packend erzähltes Buch, das mehr von der Intensität der Darstellung denn von der Spannung der Aktionen lebt. Der einzige Wehrmutstropfen ist, dass der Hintergrund und die eigentlichen Motive Blohms, gerade diesen Weg zu wählen letztlich nicht deutlich herausgearbeitet sind. Hier wird ein Stück zu viel in Andeutungen belassen und der Fantasie des Lesers überlassen. Auch die vermeintlich der Auflösung dienende Szene aus der Kindheit Blohms hinterlässt mehr Verwirrung denn Klärung.
Dem Gesamteindruck dieser guten Umsetzung zu einem wichtigen Thema tut dies jedoch kaum Abbruch. Auch die auftretenden Personen sind in ihrer Charakterisierung und ihrem Verhältnis untereinander auf den Punkt getroffen und für überraschende Wendungen gut.

Ein gutes Stück Gegenwartsbeschreibung der dunklen Art und eine treffende und realitätsnahe Zeichnung des Ringens um Nähe untereinander unter dem Schmerz von inneren Verletzungen. Absolut lesenswert.

 

M.Lehmann-Pape 2010