Klett-Cotta 2016
Klett-Cotta 2016

Cynthia D´Aprix Sweeney – Das Nest

 

Sprachlich wunderbares Debüt

 

Es sind vier Geschwister, die jeder für sich ihre Stärken und Schwächen ins ich tragen, die, jeder und jede für sich, ihr ganz eigenes Leben leben (auch wenn Bea mit ihrem Bruder Leo starke Gemeinsamkeit zumindest im „Geschäftsfeld“ verbindet, beide haben mit dem Literaturbetrieb zu tun).

 

Und es sind vier Geschwister, die ihre alte Familienweisheit nicht wirklich beherzigt haben.

 

„Verteile nie das Fell eines Bären, bevor du ihn erlegt hast“.

 

Denn, bis auf Leo vielleicht, den Lebemann, Playboy und „falsch“ verheirateten Mann, ist es für die anderen drei ein beruhigendes „Tatsachenwissen“, das aus dem kleinen Fond, den der Vater für seine vier Kinder angelegt hat (unter sehr konkreten, außergewöhnlichen Bestimmungen, was die Auszahlung angeht) ein inzwischen doch stattliches Vermögen geworden ist. Was in dem Fonds wartet, bis das jüngste der Geschwister, Melody, 40 Jahre alt werden wird.

 

Was nicht mehr lange dauert. Und wichtig wird, denn alle Beteiligten Geschwister benötigen das Geld. Aus verschiedenen Gründen. Und reagieren verschieden, aber unwirsch darauf, dass sich hier grundlegendes geändert hat.

 

Die Mutter in neuer Partnerschaft, in der ein Teil des Geldes benötigt wird. Leo im Leben gestrauchelt und zwar nicht nur gefährlich, sondern auch teuer, was vor allem seine Scheidung angeht.

 

So erhält Leo den Großteil des Geldes. Was dazu führen wird, dass seine Geschwister sich an ihn zu wenden haben mit dem, was sie als Geldsorgen bedroht.

 

„Während er sich über seine Fehleinschätzung ärgerte, erfüllte es ihn gleichzeitig mit Genugtuung, das Francis (die Mutter) so eindeutig zu ihm gestanden hatte. Doch dann wurde ihm klar, dass er sich auch in diesem Punkt irrte“.

 

Denn wenig ist, wie es auf den ersten Blick scheint und mit vorschnellen Urteilen über die Personen im Roman sollte der Leser zurückhaltend sein, bei den doch nicht wenigen überraschenden Einblicken, die Sweeney noch bereithalten wird.

 

Ein Geschehen, dass in verschiedenen Linien entscheidende Wichtigkeiten des modernen Lebens mit aufhellt in diesem sehr flüssigen Roman, der sprachlich wunderbar im Stil von Sweeney erzählt wird.

 

Das Menschen in der Mitte des Lebens mit dem, was sie erwirtschaften, nicht wirklich zurechtkommen, das ist ein Teil der modernen Welt in Amerika, den Sweeney hintergründig mit erzählt und dies atmosphärisch gelungen mit den äußeren Veränderungen verknüpft. Der Gentrifizierung in New York, den Nischen, die sich Menschen für ihr Leben suchen. Das gesamte Leben als „Vorgriff“ auf materielle Möglichkeiten, auf „Punp“ mit finanziellen Vorlagen, die vielleicht nie eingelöst werden können.

 

Während sie auf dieser Blaupause gerade den vier Geschwistern und deren engsten Umfeld sowohl im einzelnen Leben nachgeht du dabei die Persönlichkeiten hervorragenden und sehr plastisch beschreibt, wie sie im Lauf des Romans auch ein feines Gespür für die Beziehungen untereinander in vielen verschiedenen Linien und Richtungen zu schildern versteht.

 

Wie Bea, die Schriftstellerin „ohne Roman“.

 

„Beatrice Plump hatte er eigentlich immer geliebt. Seine Liebe zu ihr war leise und konstant, vertraut und wohltuend, es war fast etwas in sich Abgeschlossenes“.

 

Doch ob Bea davon weiß? Solche Gefühle erwidert?

 

Ein Roman, in dem es für den Leser keine schwarz-weiß Unterteilung in „die Guten“ und die „Schlechten“, die nur gierig wären, gibt, sondern jede der Personen in sich verstanden werden kann und eine gewisse emotionale Nähe zur gesamten Familie sich einstellt. Wobei Leo die eigentliche und wichtige Hauptfigur im Roman darstellt, an dem Sweeney sowohl das moderne Leben, die Brüchigkeit der Fassaden, als auch die Tiefe von Bindungen herausarbeitet.

 

Ob das „Nest“ trägt, das wird bis zum Ende hin jene Frage bleiben, die dem Roman Spannung mit auf den Weg gibt. Und ob „das Nest“ sich tatsächlich nur im Geld erschöpft, oder eigentlich doch etwas ganz Anderes an Bindungen sein wird, als so manche der Beteiligten vorher dachten.

 

Eine gut zu lesender, anregender und mit griffigen Personen ausgestatteter Roman, der sprachlich hervorragend umgesetzt wurde.

 

 

M.Lehmann-Pape 2016