Hoffmann und Campe 2015
Hoffmann und Campe 2015

D.H. Lawrence – Der Mann, der Inseln liebte

 

Abkehr

 

Es ist eine Entwicklung „weg von allem“, die Lawrence in diesem schmalen Band in seiner wunderbaren, den Punkt treffenden, vielfache Assoziationen und Reflexionen beim Leser auslösenden Sprache, schildert.

 

Der Welt den Rücken zu kehren. Von Geburt an Insulaner und da mit ganzem Herzen, geht er einen für ihn folgerichtigen Schritt, seine Liebe zur Abgeschiedenheit zu zementieren.

 

Er verstärkt seine Abkehr von der Welt zunächst durch einen Umzug auf eine eigene Insel mit nur wenigen „Mit-Bewohnern“, dann auf eine noch kleinere Insel mit einigen auserwählten Mitmenschen, dann, in völliger Abkehr „von der Welt“  (auf eine noch kleinere Insel ohne jede menschliche Gesellschaft). So verläuft der Weg des Mannes, den Lawrence zum Mittelpunkt der Erzählung setzt.

 

Eines Mannes, der das wirkliche, dauerhafte, persönliche Glück sucht. Den Zustand des inneren Friedens. Zunächst in der Überlegung, ein äußeres Paradies zu schaffen und dieses „nach Innen“ wirken zu lassen. Und dann, angesichts der Erfahrungen von Fehlern und Begrenzungen, im Wissen, dass dies vom Äußeren her nicht gelingen wird, setzt er sich sich selbst aus. Und folgt der inneren Entfaltung von Gedanken, weitgehend losgelöst von allen äußeren Haft- und Haltepunkten, bar fast jeden Besitzes.

 

„Seine einzige Befriedigung zog er daraus, alleine zu sein, vollkommen alleine, und dass der ewig weite Raum ihn durchdrang“.

 

Wobei Lawrence beileibe keine „glückliche“ Rückzugsgeschichte erzählt, sondern die Tiefen der Melancholie, die Unerträglichkeit des Seins (selbst die paar Schafe auf der kleinsten der Inseln verursachen dem Mann mehr und mehr Ekel und Unruhe) ruhig und in der Tiefe des Erlebens  schildert. Man kann sich und der Welt nicht wirklich entkommen und warum sollte man das unbedingt Wollen? Das schwingt als Frage durch die Seiten stetig mit.

 

Es ist auch ein innerer Kampf, ein Versuch, das Glück zu zwingen, hinterher zu jagen, das den Mann umtreibt bis hin zu Zuständen zwischen Wachen und Schlafen, die kaum mehr auseinandergehalten werden können, bis hin zu elementaren Erkenntnissen.


„Die Elemente! Die Elemente!....Gegen die Elemente konnte man nicht gewinnen.“

Und seinem Leben auf Dauer nicht entfliehen, so kann man diese Geschichte verstehen

 

Eine innere Geschichte, die in ihren äußeren Ereignissen im Buch mehr und mehr belanglos wirkt, deren Wirkung beim Leser sich aber in gleicher Weise mehr und mehr einstellt angesichts der Fragen nach dem Kern des Seins auf dieser Welt, nach dem, was Glück ist, was beherrschbar ist, wem und was man sich letztendlich nur ausgeliefert gegenüber vorfindet und den „eigenen Atem im Rücken spürt“. Und Mehr nicht.

 

Ein Werk, entstanden 1927, drei Jahre vor dem Tod des Schriftstellers, und bindet in sich auch die eigenen Überzeugung eines mutigen, das Leben (und die Liebe) liebenden, sich oft gegen die Konventionen der Zeit stellenden Autors. Der eben nicht den Sinn dieses Daseins darin sehen möchte, sich von dieser Welt „auf Inseln“ abzukehren.

 

M.Lehmann-Pape 2015