dtv 2014
dtv 2014

D.W.Wilson – Als alles begann

 

Kantiges Drama

 

Dramen altbiblischen Ausmaßes sind es, die D.W.Wilson mit seinen wortkargen, kantigen, teils von der Landschaft und dem Leben in Westkanada geformten Protagonisten Seite für Seite mit sprachlicher Wucht unerbittlich entfaltet.

 

Freundschaft und Verrat, Liebe und Hass, zueinander finden und Verlassen und Verlassen werden. In einer teils bleiernen, schweren Atmosphäre mit ebenso klar wie stark wirkenden Personen, die auf der anderen Seite verschwommene und hilflose Momente erleben, deren Stoltz gebrochen werden wird oder die an ihrem Stoltz verbittern werden.

 

In schicksalhaften Verbindungen und Verwicklungen, von denen der Leser nach einer Weile ahnt, dass sie nicht im Guten werden enden können. Verbindungen und Wendungen, die Wilson aus wechselnden Perspektiven und Zeiten heraus teils unvermittelt erzählt.

 

Es sind keine Helden, keine „Felsen des Lebens“, die Wilson dabei Schicht für Schicht entfaltet, es ist in Teilen gerade ein fast unerträgliches Maß an „Mittelmaß“, welches die Begegnung mit dem ein oder andren der Protagonisten für den Leser zu einem schmerzlichen Prozess gestaltet.

 

Mysterium, Rätsel, Sohn, Vater, Verlobter, Gatte, Liebender, Feigling, Anfang, Mitte und Ende, Beschreibungen, die nicht nur auf die Person im Hintergrund der Suche und Reise im Buch zutreffen, sondern deren Anteile in fast jeder der handelnden Personen zu finden sind.

 

„Elend zeugt Elend“ sagt Alan einmal lapidar am Rande. Und wie sich Elend im Elend fortsetzt und neues hervorbringt, das zeigt Wilson schonungslos im Ergehen seiner Charaktere auf.

 

Jener Alan, den seine Mutter schon verlassen hatte, als er noch gar nicht ganz da war. Dessen Vater wohl vom Hof gejagt wurde (oder doch freiwillige ging“ von „Gramps“, dem Großvater Alans, bei dem Alan aufgewachsen ist, der ihn geprägt hat wie sonst niemand.

 

Der gerade einen Herzinfarkt erlitten und knapp überstanden hat. Und der nun, nach 30 Jahren, seinen Sohn Jack treffen möchte, Alans Vater.

 

Und Alan macht sich auf den Weg. In seine Vergangenheit, sucht nach Spuren seines Vaters.

 

Erste Hinweise erhält er von Archer, der „Notfalladresse“ seines Großvaters, Freund aus früheren Tagen, Deserteur der amerikanischen Armee, der Ende der 60er Jahre mit seiner Tochter Zuflucht in Kanada suchte, dem Alans Vater Jack bei der ersten Begegnung anschoss.

 

Wunden, die natürlich von diesen harten Männern selber genäht werden, wobei dem Leser umgehend die trotzigen Gesichter mit dem gerade ausgespuckten Korken des harten Alkohols vor Augen entstehen.

 

Und so wir diese kleine Gruppe ihren schicksalsträchtigen Weg auf sich nehmen. Wortkarg, mit Dialogen, die kaum mehr als Satzfetzen oft sind, in denen dennoch Wilson ganz Welten von Bedeutungen hineinzulegen versteht.

 

Gramps und Nora und Jack, so etwas wie eine Familie, auch wenn Nora und Gramps nicht verheiratet sind. Archer, der so freundlich und klar wirkt und doch Abgründe in sich trägt. Abgründe, die seine Tochter Linnea nur allzu gut kennt. Linnea, die mit Jack in gut wirkender Weise zusammenkommen wird, bis „Crips“, ein anderer Amerikaner, am Ort auftaucht. Wobei in der düsteren, schweren Atmosphäre, die Wilson sehr dicht von Beginn an als Rahmen der Geschichte setzt schnell klar wird, dass Happy Ends für die ganz eigenen Personen kaum zu erwarten sein werden. Egal, welche Entscheidungen sie auch treffen.

 

„Ein Ding, einmal auf einem bestimmten Weg, bleibt auf diesem Weg, es sei denn, äußerliche Kräfte wirken darauf ein…. Menschen halten im Allgemeinen Kurs auf ihre Bestimmung“.

 

Wobei jene Menschen im Buch gleichzeitig Opfer und Täter sind, Dinge tun und versäumen, damit einerseits die äußeren Richtungen vermeintlich ändern und doch andererseits immer nur auf der Basis ihres inneren Kurses handeln.

 

 

Ein faszinierender Roman, in dem Wilson das Harte, Schwere und Formende auslotet im Blick auf Personen, die allesamt eher Gescheiterte an ihrem, denn strahlende Akteure ihres Lebens sind.

 

M.Lehmann-Pape 2014