Heyne 2014
Heyne 2014

Dan Simmons – Der Berg

 

Mit Sogkraft geschrieben

 

Vielleicht hat der Verlag der Kraft der Erzählung nicht in Gänze vertraut, anders zumindest ist der marktschreierische, nicht zum Buch passende Klappentext nicht zu verstehen.

 

„Doch in den dunklen Schluchten und Höhlen des Mount Everest verbergen sich Dinge, die unentdeckt bleiben sollten, je höher…… desto lauter wird das dumpfe Heulen, das aus dem dichten Schnee kommt“.

 

Weder spielt ein „dumpfes Heulen aus dem Schnee“ überhaupt eine Rolle im Buch, noch blicken die Bergsteiger in Höhlen. Und vor allem, jene Geschöpfe, die da dumpf heulen könnten (ja, ja, der „Yetti“ kommt irgendwie schon am Rande vor) nehmen nur an einer Stelle weit, weit zum Ende hin (und das eigentlich überflüssig), Einfluss auf den Gang der Dinge.

 

Also am besten den in „Stephen King Richtung“ führenden Klappentext einfach ignorieren und im Verlauf der Lektüre mehr und mehr genießen, wie intensiv und sachkundig Dan Simmons sich in seine Geschichte „auf DEM Berg“ hineinschreibt.

 

Mit überzeugenden Charakteren („Der Diakon“ Richard Deacon, der geniale Tüftler Jean-Claude, die wunderschöne Plantagebesitzerin Reggie, deren Vertrauter, Arzt und ruhiger Pol, Dr. Pasang und Jake Perry, Amerikaner, Freikletterer und Felsexperte.

 

Männer, die sich Mitte der zwanziger Jahre auf eine Mission machen.

Die letzte Everest Expedition ist gescheitert. Mallory und Irvine am Berg verschollen. In Europa treten neue Figuren auf den Plan der Weltgeschichte, Churchill ist Schatzmeister, Hitler sitzt gerade in Landau, ist aber schon „auf dem Sprung“.

 

Auch Percy, der Cousin Reggies, ist auf dem Everest verschollen. Augenzeugen wollen gesehen haben, wie er mit einem Begleiter vom Nordsattel stürzte.

 

So rüstet Percys Mutter Richard Deacon und seine beiden Freunde mit Geld aus, um eine Suchaktion zu finanzieren. Mit glänzenden Augen werfen sich alle drei in den Traum jedes Bergsteigers der damaligen Zeit. Doch nicht alle Beteiligten wissen, dass noch etwas ganz anderes, bedeutsameres gesucht werden soll, als nur die Leiche Percys und seines Kameraden.

 

Und ebenso wissen nur wenige der Beteiligten, dass auch andere diesen Gegenstand auf Leben und Tod in ihrer Hand halten wollen.

 

Breit, langsam, bildkräftig und mit einem faszinierenden Blick für die Atmosphäre der Zeit bis in die kleinsten Kleinigkeiten des Materials hinein (5, 6 verschiedene Eispickel und Formen beschreibt Simmons, Karabinerhaken, „Jümen“, Seilqualitäten bis hin zu den üblichen Gamaschen und den „neuen“ Daunenjacken“) führt Simmons den Leser Schritt für Schritt, von den Vorbereitungen über den Anmarsch bis zum Basislager, vom Einstieg über die Nordwand über den Nordostgrat zur ersten, zweiten und dann dritten Stufe. Von Erfrierungen über Höhenkrankheit, von genagelten Schuhen über von Jean-Claude entwickelte Steigeisen hin zu modernen Sauerstoffgeräten mit „Englischer Luft“.

 

Und das alles, ohne den sprachlichen Fluss zu unterbrechen, ohne den Leser (und sich selbst) im Dickicht der Details zu verlieren.

 

So wird der Leser Seite für Seite hineingezogen in diese akribische und emotional überaus dichte Expedition, lernt den „Alpinstil“ kennen ebenso, wie die übliche „Belagerung des Berges“ und bekommt ein fast dreidimensionales, plastisches Bild des Mount Everest in seinen Herausforderungen, in seinem „Klima“, intensiv vor Augen geführt.

 

Hierzu gesellt sich das durchaus mit Spannung durch lange nur hintergründige, dann aber auch direkte menschliche Gefahrenmomente Geschehen der zweiten Erzähllinie des Buches, der Jagd auf das, was Percy mit sich auf den Berg genommen hat.

 

Wozu das dann später dient, das ist ein wenig zu lapidar, da hätte der entsprechende Politiker weitaus mehr als Gegenleistung heraus holen können.

 

Was aber nur eine Randbemerkung bleibt, denn die Mitte des Buches ist die minutiöse Schilderung des Ganges auf den Berg, der Geschichte der Bergsteiger, die auch die Geschichte Mallorys und Irvines mit aufgreift und mit großer Ruhe und mitreißender Atmosphäre und Dichte von Simmons erzählt wird.

 

Gerade weil er „seine Gruppe“ und damit auch den Leser so langsam und breit vorbereitet, Schritt für Schritt von der Ausrüstung bis zur Reise zum Berg sich Zeit lässt, gerade deswegen ist der Leser von allen Seiten nachher mit „im Berg“ und weiß, was die Begriffe und Knoten und Schrauben und Steigeisen bedeuten und wie sie aussehen.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014