Suhrkamp 2013
Suhrkamp 2013

Daniel Calera – Die Flut

 

Distanzen und Nähe

 

Zwei Dinge sind es, die den Protagonisten dieses sprachlich ausgereiften Romans (der erste von Calera, der in deutscher Sprache erscheint), zunächst überhaupt nur in erkennbarer Weise innerlich berühren.

 

Da ist zum einen Beta, die alte Hündin seines Vaters (der einen angekündigten Selbstmord begangen hat und selbst bei diesem bleibt der Sohn, aus dessen Perspektive der gesamte Roman erzählt wird, seltsam distanziert innerlich kraftlos).

Für Beta gibt der Triathlet alles an Energie und Geld, was er aufzubringen vermag.

 

Und da ist zum anderen die Geschichte des eigenen Großvaters, der als „Gaucho“ in Garopaba (an der brasilianischen Atlantikküste gelegen) unter ungeklärten Umständen  wohl zu Tode gekommen ist. Oder nur verschwunden?

 

Dieser Distanz des Protagonisten zu sich selbst und den Menschen gegenüber, korrespondiert wunderbar zutreffend im Buch mit der eigentümlichen Krankheit, die er trägt.

Er kann sich Gesichter nicht merken. Alles verschwimmt, irgendwie, zumindest anfänglich.

 

Im Roman selbst ist dies das passende Symbol für die Distanz, die „der Trainer“ sich selbst und der Welt gegenüber in sich trägt. Eine Distanz, die nur langsam abschmilzt. Je besser er seine neuen Mitmenschen kennenlernst, desto mehr er an anderen Eigenschaften als die des Gesichtes diese zuordnen kann, desto mehr taut er auf, schließt Kontakte. Ein Prozess, den Calera dem Leser hervorragend näher bringt.

 

Nach dem Tod des Vaters nun, vielleicht, weil er nicht besseres zu tun hat, vielleicht, weil ihn irgendetwas kaum Greifbares (und das auch eher träge) antreibt, vielleicht auch nur, um dem lange schon schwelenden, harten Streit mit seinem Bruder zu entgehen, begibt er sich ebenfalls nach Carapoba. Mietet ein Haus am Meer, schwimmt, läuft, hat Affären, erlebt Enttäuschungen, bringt sich ein, wird abgestoßen, findet Freunde und spürt, jedes Mal, wenn seine große Ähnlichkeit zum Großvater auffällt oder er direkt nach der alten Geschichte fragt, irgendetwas ist da im Busch, stimmt da nicht in diesem Dorf.

 

„Die Fischer reden kaum mit ihm. Alle, die er auf den Tod seines Großvaters angesprochen hat, ignorieren ihn seitdem“.

 

Und je mehr er sich um Beta zu kümmern hat und je mehr er über das Leben, die Ereignisse um seinen Großvater von damals erfährt, desto näher rückt er damit auch sich selbst und spürt: diese Geschichte des Großvaters, diese Art, dem Leben gegenüber zu treten, dass ist auch seine eigene Geschichte und seine Art. Mehr und mehr lebt er nach, was damals war.

 

„Mein Vater hat mir erzählt, er wurde auf einem Fest ermordet. Das Licht ging aus und mehrer Leute stachen auf ihn ein“.

 

Aus dem Prolog heraus bereits ahnt der Leser, dass nicht nur die Geschichte dieses Großvaters nicht gut geendet hat. Auch die Geschichte des Enkels wird dramatische Wendungen nehmen. Wendungen, die von der Flut, vom Meer ebenso verschlungen werden, wie es die alte Geschichte wurde.

 

Wie nun Calera das alles bildkräftig erzählt, wie beiläufig er komplette Lebensarten fließend schildert und einfließen lässt, wie flüssig es ihm gelingt, seinen Protagonisten in seiner inneren Leere vor Augen zu führen und ebenso die langsame Füllung dieser Leere in den Raum zu setzen (auf einer fast psychedelischen Reise zu sich selbst im letzten Teil des Buches), genauso, wie Calera wie nebenbei ganze  Persönlichkeiten schon an deren Schwimmstil wunderbar zu beschreiben versteht, dass ist, zusammen mit der intensiven Geschichte selbst, sehr lesenswert und bietet eine dichter und dichter werdende Atmosphäre im Buch. Auch wenn einige Fäden im Buch lose in der Luft verbleiben werden und nicht auf alles runde und erschöpfende Antworten gegeben werden.

 

Eine intensive Geschichte, die Calera mit literarisch hoher Qualität ebenso intensiv erzählt.

 

M.Lehmann-Pape 2013