Heyne 2014
Heyne 2014

Danny Wallace – Der unglaubliche Sommer des Tom Ditto

 

Witzig und überdreht

 

In seiner Verzweiflung hält sich Tom an fast jedem Strohhalm fest. Um zu verstehen, was denn da passiert sein könnte. So sehr, dass er gar eine Weile lang Parallelen zwischen dem Innenleben seiner (Ex- oder Noch-?) Freundin  Hayley und dem wenig greifbaren Wesen einer Pop Ikone zu ziehen bereit ist.

 

Passt da einer der Song Texte nicht genau auf das, was Hayley getan hat? Hatte sie nicht irgendwann ähnliche Schuhe? Will sie irgendwas in ihrem eigenen Leben Nacherleben, für das die Sängerin steht?

 

Auch wenn das nur eine der vielen Theorien ist, die Tom hilflos vor sich hin fantasiert, irgendeine obskure Erklärung muss es doch dafür geben, dass Hayley für ihn von jetzt auf gleich, für ihr ganzes anderes Umfeld durchaus seit längerem bereits geplant, aus dem Leben verschwunden ist. Ein kleiner Zettel mit nicht recht verständlicher Botschaft ist alles, was Tom geblieben ist. Nicht verlassen hat sie ihn und doch ist sie „dann mal weg“?

 

Ziemlich aufgelöst taumelt Tom von da an durch seine Tage. Was natürlich Folgen hat. Aber Folgen, die nicht unbedingt in dieser Form vorauszuahnen waren. Und  die Tom eher „einfach so“ geschehen, als dass er davon irgendwas richtig geplant hätte. Verwirrt, eben.

                                                                                                                 

Mit der Gefahr allerdings, dass er lange, lange am Eigentlichen, an so manch offenkundigen Dingen vorbei sieht. Wie nebenbei aber fast noch eine Form Karriere als Radiosprecher hinlegt. Wobei der damit verbundene „Absturz“ des (wunderbar pointiert getroffenen) „Starsprechers Leslie James“ als Beispiel für den feinen bis derben Humor des Autors herangezogen werden kann.

 

Aber grundlegend gilt: „Merkwürdig, verlassen zu werden und dabei versichert zu bekommen, das man nicht verlassen wurde“.

 

Auf seinen Wegen des Findens einer Erklärung trifft Tom auf Pia, die mit einer kleinen Gruppe von Freunden einer besonderen Art der „Weltbetrachtung“  nachgeht. Man folgt anderen. Regelmäßig. Schaut sich deren Leben an. Fühlt sich ein. Bringt vieles in Erfahrung und tauscht sich aus. Ob Tom auf diesem Wege über andere, die er beobachtet, schlauer daraus wird, was in seiner Freundin vorging oder geht? Als Teil einer kleinen Gruppe, die für sich selbst den eigenen Sinn nicht gefüllt bekommt und daher „bei anderen nachsehen geht“? Und was hatte Hayley mit all dem am Hut?

 

Eine Selbstfindung der besonderen Art ist es, die Danny Wallace in diesem Roman verfolgt und leger im Ton, ironisch und locker vor sich hin fließen lässt.

Nicht immer aber gelingt es (neben emotional dichten Momenten und neben der treffend getroffenen Medienszene Londons), den Leser wirklich ganz mit in seine Personen hinein zu nehmen. Zu surreal wirkt allein schon das Ausgangsszenario, welches den Leser genauso ratlos zunächst zurücklässt, wie Tom Ditto selbst.

 

Auch die ständig eingestreuten Sequenzen der Rund-Emails im Sender erschließt sich im Sinn letztlich auch nach dem Ende der Lektüre nicht ganz. Vielleicht aber findet sich auch in dieser Hinsicht eine viel einfachere Erklärung, als es der Leser erwarten würde. Wie überhaupt die Auflösung all dessen am Ende in mancherlei Hinsicht doch mit dem Elan mancher Zwischenstationen im Buch nicht wirklich mithalten kann.

 

 

Eine anregend verfasste, vielfach mit trockenem Witz hinterlegte Suche nach „der anderen“, die eigentlich eine Suche nach sich selbst ist, aber nicht vollständig zu fesseln vermag, ebenso, wie die „Auflösungen“ (auch während des Buches) nicht immer faszinieren.

 

M.Lehmann-Pape 2014