Kiepenheuer & Witsch 2017
Kiepenheuer & Witsch 2017

Dave Eggers – Bis an die Grenze

 

Innere und äußere Suche

 

„“Du bist toll mit ihr“, sagte sie, und jetzt weinte sie. Sie war sicher, dass Paul sie anstarrte“.

 

Paul, ihr Sohn. Ein Kind noch, und doch der, der nicht selten „das alles“ zusammenhält. Diese Idee seiner Mutter, Bargeld zu holen und sich von jetzt auf gleich wegzumachen aus der Heimatstadt in Ohio.

 

Und sich nach Alaska aufmacht. Nicht aus einer konkreten Sehnsucht nach dieser Region, sondern weil dies der entfernteste, geographische Punkt ist, den sie mit ihren Kindern erreichen kann, ohne einen Pass zu benötigen.

 

Vordergründig, weil der Erzeuger von Paul und Ana, ihren beiden Kindern, nach der Trennung sich neu orientiert hat, tatsächlich (wer hätte das geglaubt? Josie, die Mutter, bei Weitem nicht) eine neue Frau gefunden hat.

 

Vordergründig also um die Kinder zu schützen, dass der Vater mit seiner neuen Frau gar nicht erst auf die Idee kommt, sich die Kinder nehmen zu wollen.

 

Aber das ist auch nur die halbe Wahrheit. Denn in ihrem Beruf als Zahnärztin kriselte es auch. Was lange im Buch nur mit Andeutungen gespickt ist, dass der Sohne einer Patientin schwer Ärger gemacht hat.

 

Wobei, auch das mag nur eine Folge gewesen sein vom inneren Zustand Josies. Die über lange Zeiten hinweg fast wie manisch-depressiv nicht nur „Phasen“ erlebet hat, sondern jeden Tag ein starkes inneres auf und ab erlebt. Was im Übrigen nun, im alten Wohnmobil irgendwo in Alaska sich noch lange nicht gelegt hat.

 

Instabil, so kann man die Persönlichkeit Josies bezeichnen. Was nicht ohne Folgen auch für die Kinder bleibt.

 

„Sie hat sich auf das Klo gestellt und ist heruntergefallen“. Ana zieht das Unglück an. Und Paul, ihr Bruder, ist ihr Beschützer. Auch in der unwirtlichen Umgebung in Alaska, wo Josie nicht nur nicht genau weiß, wohin sie eigentlich will, sondern wo just ein großer Waldbrand die kleine Rumpffamilie vor sich hertreiben wird.

 

Probleme über Probleme also, die jede der drei Personen auf ihre Art Fordern werden und neue Seiten zum Vorschein bringen wird. Auf Grundfragen bezogen, die sich wohl in jedem Leben stellen. Ob der ganz eigene Weg mit allen Unsicherheiten gangbar ist, oder ob besser die „sichere“ Variante im Leben gewählt werden soll (woran Josie aber innerlich wie äußerlich scheitert, was eine interessante Korrespondenz zu ihrer Tochter Ana hat, bei der das „Scheitern“ nur viel klarer und fassbarer ständig im Raum steht).

 

Wird denn nun alles besser werden in den weiten der Natur? Auf sich gestellt? Das wird nicht einfach so beantwortet im Roman, in all den Wirrungen und Irrungen der Reise, die eher ein „Trial and Error“ Dahinfahren darstellt, denn einen gezielten und klaren Weg. Ein Weg aber, und das sind mit die schönsten Momente im Roman, auf dem immer wieder die tiefe Liebe zu ihren Kindern und das „wundern über das Wunder“ dieser Kinder neue Kraft und Auftrieb geben. Bei allen Skrupeln, Zweifeln und innerer Zerrissenheit dieser Josie, die oft mehr mit sich und ihrer inneren Stabilität zu tun hat, als mit den äußeren Dingen dieser „Flucht mit Kindern“.

 

 

Ein sprachlich anregend gestalteter Roman mit sehr flüssigem Tempo und überzeugenden Figuren (wobei sich die Person der Josie in den Personen ihrer Kinder mit ihren zwei Seiten geschickt widerspiegelt), in dem allerdings, neben starken Szenen und berührenden Momenten, inhaltlich auch einiges an Leerlauf auftritt.

 

M.Lehmann-Pape 2017