dtv 2011
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David Abbot – Die späte Ernte des Henry Cage

 

Der schonungslose Weg der Auflösung des Lebens

 

Einen der Schlüsselsätze zum Verständnis des Buches hat Tom, der Sohn der Hauptfigur Henry Cage, irgendwann einmal in einem Buch markiert. Kurz vor der Mitte der Geschichte um Henry Cage kann man lesen:

 

„Es ist, als habe Gott seine Hand geöffnet und dich für eine Weile darauf tanzen lassen, um sie dann ganz fest zu schließen – so fest, dass du noch nicht mal schreien konntest.“

 

Auch Henry. Still. Am Anfang der Geschichte. Zumindest den größten Teil des Buches über aber noch nicht, obwohl das innere Schreien sich ankündigt und vielfach beginnt, sich Bahn zu brechen. Nachdem Abbot einen klaren, kühl beschriebenen, Anfang gesetzt hat, der trotz der eher nüchternen Sprache nichts, aber auch gar nichts von seinem fundamentalen Schrecken verloren hat, eröffnet er auf den gut 360 Seiten des Buches die Geschichte Henry Cages, die im Vorfeld der letzten Jahre des Dramas  zu Anfang des Buches sich ereignet hat.

 

Eine Geschichte langsamer, aber spürbarer, im Raume stehender Auflösung des Lebens des Protagonisten. Ehedem erfolgreicher Unternehmensberater mit eigener Firma, Ehemann und Vater eines Sohnes. Von seinen Partnern einiges vor der Zeit mit höflichen Worten und harter Haltung in den Vorruhestand geschickt. Getrennt von Nessa, seiner Frau. Diese hatte eine kurzlebige, eher belanglose Affäre, doch Henry kann hier nicht über seinen Schatten springen. Getrennt lange innerlich auch von seinem Sohn Tom. Es hat nicht gut funktioniert zwischen den Beiden, was nicht an Tom lag.

 

Henry ist einfach ein auf sich bezogener Mensch. Nicht böswillig oder bösartig, aber doch so stetig um sich kreisend, so wenig in der Lage, empathisch über seinen Schatten zu springen und dabei doch kaum wirklich durchsetzungsfähig, dass es einfach schwierig ist, mit ihm, der in Riten und Gewohnheiten lebenden Gummiwand, eine intensive, innere Beziehung zu knüpfen. Er selbst würde das alles eher als „Nervenstärke“ benennen.

 

Als er aber erfährt, dass er seit vier Jahren bereits einen Enkel hat, als er sich seiner Frau wieder nähert (zu spät für dieses Leben), mit seinem Sohn und seiner Schwiegertochter ins Verhältnis tritt, da sind längst die Weichen dafür gestellt, dass Gott den Tanz beendet und die Faust sich beginnt, fest zu schließen. Eine wahrlich späte, furchtbare Ernte, die Abbot ruhig, klar und, vor allem, emotional höchst mitnehmend in seiner Geschichte ausbreitet.

 

Und doch ist der Roman keine einfache Abrechnung mit einem gedankenlosen Egozentriker, sondern ein Entwicklungsroman eines alternden Mannes, der seine Fehler beginnt, nicht nur zu sehen, sondern auch zu spüren. Eine Chance für all die Seinen, bei aller Bitterkeit und allem Schmerz, sich ihm anders nähern zu können, wie auch er sich anders nähern kann. Mit Irrungen und Wendungen, mit nicht nur einem Toten auf dem Weg.

 

Es ist ein harter Weg, den Henry Cage zu gehen hat und auf dem vielfache Entschuldigungen von ihm gefordert sein werden. Ob es auch eine Entschuldung für ihn gibt? Das bleibt zu guter letzt durchaus auch der Phantasie des Lesers überlassen, denn einfach so endet das Buch nicht, da wird einiges noch offen bleiben an Lebensweg.

 

Ein genau beobachtetes, den Figuren intensiv nachgehendes Stück Literatur fast in Form einer klassischen Tragödie ist David Abbot mit seinem ersten Roman gelungen, dessen Lesen sich überaus lohnt.

 

M.Lehmann-Pape 2011