ARCHE 2011
ARCHE 2011

David E. Hilton – Wir sind die Könige von Colorado

 

Der harte Weg ins Leben

 

Der auf dem Buchrücken zitierte Vergleich dieses Werkes von David E. Hilton mit Goldings „Herr der Fliegen“ trifft durchaus zumindest im weiteren Sinne auf das Sujet und die Atmosphäre des Buches zu.

 

Zwar ist es keine Insel und auch nicht völlig sich selbstregierende Jugendliche, die den Hintergrund des Romans gestalten, doch die innere Dichte, die gewaltsam sich aufbauende Entwicklung und die Ohnmacht vor ebendieser Gewalt bis hin zum Tode sind im Buch ebenso angelegt wie im Herrn der Fliegen und ergeben, in Verbindung mit der genauen Beobachtungsgabe des Autors und seinen intensiv gestalteten Dialogen, eine beklemmende Atmosphäre und eine hohe emotionale Nähe des Lesers zu den Figuren der Geschichte. Anders als bei Golding sind es hier auch anwesende Erwachsenen, die die Jugendlichen in eine gewaltsame und untereinander harte Richtung lenken. Eine Richtung, die sich dann völlig umfassend Bahn brechen wird zum Ende des Buches hin.

 

Um seine Mutter zu schützen, um sich selber vor dem gewalttätigen Vater zu schützen, weiß der 13jährige Will irgendwann, mit dem Rücken zur Wand, nur noch einen Ausweg. Mit einem tiefen Gefühl innerer Leere stößt er dem Vater sein Davy-Crockett-Taschenmesser in die Brust. Doch zum einen überlebt der Vater und zum anderen ist gar seine Mutter nicht bereit, sich ihrer Not und der des Jungen zu stellen. Will wird verurteilt. Zwei Jahre Straflager werden ihm auferlegt, offiziell ummäntelt als „Erziehungsanstalt“. So zeigt bereits der Einsteig in das Buch auf, dass hier eine der wichtigsten Funktionen Erwachsener Kindern gegenüber vollständig fehlen. Erwachsene im Buch geben in der Regel keinen Schutz.

 

Das Lager, ein Ort, an dem zwar auch tiefe Freundschaft im Raume stehen wird, aber letztlich nichts anderes geschehen wird, als wie Will es von zu Hause aus kennt. Eine Frau, die ihm hilft, die ihn aber, wie seine eigene Mutter, zu guter Letzt nicht bewahren kann vor dem, was wirklich im Lager geschieht. Das Brechen des Willens der verurteilten Jungen, absolute Herrschaft über die „zu Erziehenden“ und die eigene, fassungslose Ohnmacht angesichts auch des Todes und des Verlustes. So werden die „Könige von Colorado“, die freundschaftlich verbundenen vier Jungen auf der Ranch, kein gemeinsames Happy End erleben. Zumindest aber Will wird als gereifter Mann noch von all den Vorgängen berichten können, die ihn für sein Leben geprägt haben.

 

Eine direkte, skrupellose, auf dem Gefühl völliger Macht beruhende Gewalt steht im Raum, der sich weder die Jungen auf der Ranch noch der Leser entziehen können. Hilflos ausgeliefert einer sprunghaften und nie einschätzbaren oder vorausplanbaren Gewalt gegenüber.

Frank Kroft, die Figur eines Wärters, steht im Buch für diese entfesselte und nicht abwehrbare, gar offiziell geförderte, Macht. Über Leben und Tod, über Geist und Körper der Jugendlichen. An dieser Figur zeigt sich auch die schriftstellerische Qualität des Autors, der das Böse in Menschengestalt in klaren und stringenten Zügen im Fühlen und Handeln so realitätsnah zu gestalten vermag, dass es beim Lesen fast physischen Schmerz hervorruft.

 

Direkt, mit klarer Sprache und tiefen Emotionen bildet David E. Hilton ein verstörendes Bild menschlichen Miteinanders ab, dass, ähnlich wie bei Golding, sich Schritt für Schritt seiner inneren Grenzen und Tabus entledigt, bis es entfesselt aufeinander trifft. Erschreckend, mitnehmend und über die Lektüre des Buches lange hinausreichend.

 

M.Lehmann-Pape 2011