Piper 2016
Piper 2016

David Lagercrantz – Der Sündenfall von Wilmslow

 

Ruhig, teils auch langatmig erzählter, biographischer Roman

 

Ein wenig Thriller Atmosphäre fügt Lagercrantz in diese biographische Betrachtung des Mathematikers Alan Turing durchaus ein. Einen Kriminalbeamten (mathematisch begabt, aber an seinem Beruf eher missmutig wenig interessiert) lässt Lagercrantz „Feuer fangen“ im Anblick dieses sehr andersartigen, sehr aufwendigen, scheinbaren Selbstmordes.

 

An einem Mann, der ihm wenig bekannt ist, der zu diesen Zeiten Mitte der 50er Jahre an sich wenig Popularität genießt.

 

Obwohl er, was Codierungen, das mathematische Denken über eine „Universalmaschine“ oder über „künstliche Intelligenz“ (im Nachgang gesehen), bahnbrechende Gedanken und Vorarbeiten gelliefert hat.

 

Aber eben auch im Krieg seinen (mathematischen) Teil der Codierung und Decodierung von Nachrichten intensiv geliefert hat. Ein Geschehen, das tief unter Aktendeckeln und Geheimhaltungsklauseln verborgen ist und dort verborgen bleiben soll. Geht es nach den Oberen der Geheimdienste, die Turner durchaus nicht einfach so aus den Augen lassen.

 

Dass hier auch ein kluger Kopf ist, der im Leben ein stückweit naiv vorgeht, der seine Homosexualität indiskret auslebt, der sogar selbst dafür sorgt, dass die Polizei ihn aufgrund eines neuen Paragraphen gegen Homosexuelle massiv unter Befragung und Verurteilung nimmt, das sind lange Zeit nur Randnotizen, bis Alan Turing in seinen wissenschaftlichen Beiträgen und seiner menschlichen Bedeutung im Rahmen dieses speziellen „Outings“ posthum breite Würdigung erfährt. Bis dahin, dass sein „Turing Test“ noch heute als das Maß der Dinge bei der Überprüfung künstlicher Intelligenz eingesetzt wird.

 

Allerdings lässt Lagercrantz zu sehr im Duktus seiner Erzählung spüren, dass eine Thriller- Spionage Geschichte, eine Verschwörung zum Tod des damals noch jungen Turing, auch ihm selbst wenig wahrscheinlich erscheint. So dümpeln die Ermittlungen des Polizisten Corell auf dieser Ebene auch eher dahin, während Lagercrantz andererseits akribisch die Stimmung der Zeit einfängt (sowohl in der massiven Geheimhaltung der Kriegsereignisse im Geheimdienst, als auch in der Frage der sexuellen Orientierung) und sich seinen Personen, allen voran dem mathematisch begabten Corell und dem genialen Alan Turing sehr breit und ausführlich in der Darstellung der Charaktere und der inneren Entfaltung und Entwicklung zuwendet.

 

Selbst das eigentliche „Verbrechen“, man könnte sagen, der Zeitumstände an dem jungen Mathematiker ob seiner sexuellen Veranlagung, hätte hier doch für mehr noch an Empörung, emotionaler Schilderung und Aufdeckung sorgen können, wenn Lagercrantz nicht seine ruhige Erzählweise so konsequent durchhalten würde.

 

Eher also eine breite, biographische Berichtsform ist es, die am Ende als Lektüre im Raum steht, bei der es weniger um Spannung geht (auch wenn Ian Fleming gewisse Erwähnungen finden wird). Das ist in Teilen auch ein Stück langatmig, auch wenn Lagercrantz sehr gut vorbereitet, sehr akribisch und sehr fundiert so gut wie alles Wissenswerte zu Turing im Lauf der Zeit mitteilt.

 

Sprachlich ausdrucksstark, flüssig erzählt, aber mit Längen, denen hier und da ein wenig mehr „Thrill“ gut getan hätte. Was nun aber das Leben Turings in den meisten Bereichen nicht unbedingt hervorbringt. Ein „James Bond-Mathematiker“ war Turing nun einmal nicht.

 

 

Dennoch setzt Lagercrantz eine lesenswerte Hommage an die „Vordenker“ modernen Computerwesens in den Raum.

 

M.Lehmann-Pape 2016