Suhrkamp 2014
Suhrkamp 2014

David Vann – Goat Mountain

 

Gewalt

 

Es ist die klassische „amerikanische“ Situation, ein fundamentaler Bestandteil der Kultur, wenn der „Vater mit dem Sohne“ (und dem eigenen Vater), „unter Männern“ eben, auf die Jagd geht.

 

Ein Initiationsritus, eine Aufnahme in die Welt des Mannes, der mit seinem Gewehr in der Wildnis sein „Mann-Sein“ demonstrativ sich aneignet.

 

Aber, kann es sein, was da so archaisch „gefeiert“ und zelebriert wird, das im Kern und im Tiefsten tumbe Gewalt, Blutdurst das eigentliche sind, was im Menschen zu finden ist?

 

Das nur eine dünne Schicht zivilisierten Verhaltens hier und da davon trennt, was an Kaltblütigkeit, Lust an der Gewalt, sich „wehren“ gegen vermeintliche Eindringlinge vorliegt?

 

Denn nicht nur, das der Junge unverhofft einen Menschen tötet (zum Entsetzen zunächst der anderen anwesenden Männer), sondern ungerührt vollzieht er das. Einfach so. Wie nebenbei.

 

Eine Gefühlslage, die sich dem Leser bereits beim „Kennenlernen“ andeutet. Mit dem Schuhkarton voller Steine auf der Ladefläche des Pick-Ups, die hier noch dazu benutzt werden, „unbelebte“ Bäume möglichst zielgerichtet zu treffen.

 

Akte einer tiefer als die in „moderner Lebensweise“ liegender Struktur, auch in der Familie des Jungen. Denn ein „Initiationsritus“ braucht ja auch den „Vorsteher“, den „Verwalter der Traditionen“, den „unangreifbaren Führer“. Im Buch bietet der Großvater alles, was zu dieser Figur dazu gehört und wird auch ganz zum Schluss eine entscheidende Funktion in der eigentlichen „Initiation“ des Jungen einnehmen, in der Befreiung, die doch nur eine Fortsetzung beinhalten wird.

 

Massiv und, wie gewohnt, ganz eigen, fast schwerfällig und düster im Ton, führt Vann dem Leser diese archaische, auf Blut ausgehende und auf Blut beruhende „Innerlichkeit“ des Menschen vor Augen.

 

Wobei andererseits sich umgehend beim Lesen auch Widerstand regt. Nicht, weil der Mensch dem Menschen nicht, unter bestimmten Voraussetzungen und in einer bestimmen persönlichen Disposition, alles antun würde, was an Gewalt nur denkbar ist.

 

Sondern weil Vann diese innere Disposition einfach zu allgemein setzt. Selbst das Entsetzen anderer Beteiligter wirkt nicht wirklich klar und als Gegenpol im Buch, was allein schon am Umgang mit der Leiche des getöteten Mannes mehr als deutlich wird und in dieser Stringenz Widerspruch fast hervorrufen muss. Zumindest aber ein tiefes Befremden beim Leser. Das alles mag zwar auch als Überzeichnung einer bestimmen „amerikanischen Mentalität“ vor allem im Blick auf fast „heilige“  Waffen verstanden werden können, konkret aber bietet das Buch weitgehend unverhüllte und rohe Gewalt, die in dieser Form den Leser nicht wirklich überzeugend mit in die Geschichte hineinnimmt.

 

Wie auch der „interne“ Umgang mit dem Geschehen nichts anderes darstellt, als wiederum Gewalt, nur in anderer Form (oder auch nicht, was das Ende angeht).

 

Ein intensives Thema, welches Vann in seinem ganz eigenen, schwergängigem Stil und Ton dem Leser schockierend vor Augen stellt und damit einen erschreckenden Spiegel der dunklen Seite des menschlichen Seins  vor Augen führt.

 

Das aber auch Längen aufweist und, vor allem, vielfach den Leser ratlos, irritiert und emotional distanziert zurück lässt.

 

M.Lehmann-Pape 2014