Klett-Cotta 2015
Klett-Cotta 2015

David Whitehouse – Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek

 

Sprachlich hervorragend, in der Geschichte nicht einfach zu folgen

 

Es sind immer wieder, fast auf jeder Seite, markante und treffende Sätze. Lebensweisheiten, die den Leser zum Nachdenken anhalten, an diesen präzisen Inhalten zur Reflektion einladen.

 

Da, wo der kleine Bobby, die Hauptfigur des Romans, über seinen Vater ein Urteil fällt, den Mann, dem er nie ähnlich werden will:

 

„Was muss ein Mann wohl für starke Beine haben, um die ganze Zeit dieses tote Gewicht des Hasses in seinen Eingeweiden mit sich herumzutragen“.

 

Oder die Einsamkeit der erwachsenen Val, Mutter von Rosa und letztlich Diebin des riesigen LKW mit der Reisebibliothek zu spüren:

 

„Aber jetzt hier mit dem Jungen zu sitzen, erschien ihr wie ein Fenster ins wirkliche Leben, in eine Welt, an der sie sonst nicht teilhaben konnte“.

 

Eine erwachsene Frau, die tatsächlich überlegt, ihr Herz einem Kind auszuschütten ist ein eindrückliches Zeichen einer vereinsamten Welt.

 

Oder auch jener Sunny, erster und einziger Freunde Bobbys bis dahin, des Bobbys, der von einigen andren Jungen massiv angegangen, aus Lust an der Gewalt das ein oder andere Mal niedergemacht wird. So das selbst der große und starke Sunny angesichts der Bedrohungen dieser Welt durch Gewalt glaubt, nur als „Terminator“, als „Cyborg“ Bobby wirklich beschützen zu können. Mit radikalen Folgen und einem radikalen Experiment, das Whitehouse erschreckend klar mit den dazu gehörigen Geräuschen (als würde ein Boxer seine Faust in eine Rinderhälfte schlagen) bildkräftig schildert.

 

Mit jener „sorglosem Missachtung der Gefahr, die Jungen bis zu einem gewissen Alter auszeichnet“ und die den Leser an jene Zeiten seines Lebens erinnert, in der ebenfalls das Risiko, die Gefahr, all das, was es zu überlegen gäbe, nicht vom Tun, vom „einfach Leben“ abgehalten hat.

 

Es sind schon vielfache Erkenntnisse, manchmal ganz am Rand, manchmal nur in einem Satz, Erkenntnisse von der Verliererseite des Lebens, von Abwehr durch die Welt (die vereinsamte Val, Rosa, über die und deren „behindertem“ Verhalten gelacht wird, Bobby, der nicht selten Prügel einstecken muss, die Bibliothek, die den Sparzwängen zum Opfer fallen wird und vieles mehr).

 

Die Handlung selbst, der Zusammenschluss der „Verlierer“ zu einer engen, liebevollen Gemeinschaft mit einer Art Verzweiflungshandlung dann.

 

Keine leichte Lektüre, gerade in den verschiedenen Fäden, denen sich Whitehouse hier und da auch unvermittelt zuwendet, ein Buch auch mit Blick auf ganz harte Seiten des Lebens, die tiefes Bedauern hervorrufen und ein Buch auch mit einigen Längen aufwartete, was die immer wieder stattfindenden Rückblicke in die Leben der Personen angeht, einiges an präziser Welt- Und Lebensbeobachtung wird am Ende der Lektüre verbleiben. Was dem Lesser nicht leicht und flüssig zufließt, sondern in der Lektüre nicht selten eine gewisse Mühe und ein Einlassen auf den eher „queren“ Stil des Autors verlangt.

 

Mit einer „Pilgerreise des Harold Fry“, oder einer Lebensreise eine „Hundertjährigen“ hat dieses Buch, trotz des Titels und der Aufmachung, am Ende nicht allzu viel zu tun.

 

Eher ein teils verstörender Blick auf die Gewalt und die Härten des Lebens wird hier geworfen und dem Versuch, all diesem in eine ganz eigene Welt hinein zu fliehen. Ob das gelingt oder irgendwann genug Kraft da ist, sich dem zu stellen, das bleibt die offene Frage bis zum Ende des Buches. Mit Büchern alleine wird das Leben sich nicht zwingen lassen, auch wenn in jedem Buch wichtige Aspekte für das eigene Leben zu finden sein werden, wie die Reisebibliothek ihren Mitfahrern aufzeigt.


M.Lehmann-Pape 2015