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Diane Brasseur – Der Preis der Treue

 

Tief hinein

 

Ein ganz eigener Monolog ist es, den der Mann „in den besten Jahren“ in diesem Buch in seinem Kopf ablaufen lässt.

 

Fragen der Entscheidung, der Reflexion stehen genauso an, wie sein, hier und da fast hilfloses, betrachten der Gegenwart mit den „beiden Frauen“. Zwei Beziehungen, denen der gutsituierte Mann bis in die letzten, für ihn wichtigen Verästelungen nachgeht.

 

Er muss sich entscheiden, das hat er zugesagt, das spürt er, die Zeit des anregenden, schwebenden „vor-sich-hin-erlebens“ neigen sich dem Ende zu. Seine Geliebte hat bereits gezeigt, wie sehr sie beginnt, innerlich zu leiden.

 

Weihnachten steht vor der Tür, ein 14tägiger Urlaub mit seiner Frau, seinem schwächer werdenden Vater, seiner Tochter ist gebucht. Und sie, die junge „Neue“ an seiner Seite in Paris, bleibt zurück.

 

Was aber tun, wenn das Gefühl hin- und hergeworfen ist? Wenn das Leben bisher ihm entgegenspielte mit seiner Familie in Marseille und seiner Arbeit (samt Geliebten) unter der Woche in Paris?


Was tun, wenn starke Bande ihn mit Frau und Kind verknüpfen, aber natürlich diese frischen, jungen Gefühle bereist zu einem Zweitleben mit allem, was dazu gehört geführt haben?

 

Es ist nicht nur die Leidenschaft, es ist nicht nur die Jugend der Geliebten, die ihn anzieht (auch wenn das klassisches „alternder Mann und junge Geliebte“ ihm natürlich ins Auge fällt). Es ist nicht nur das Zurückschrecken vor dem Kommen der Jahre und damit der größeren Distanz zu der jungen Frau, es ist auch die Frau, die Person selbst.

 

Brasseur lässt den Leser dies ruhig und tief miterleben in so vielen kleinen Szenen. Erst auf dieser echten auch Liebe versteht der Leser jene aufflammende Eifersucht und Unruhe, wenn die Ehefrau ein Buch liest, dass die Geliebte ihm geliehen hat, dass ihn an die Hände, an den Ausdruck der Geliebten erinnert.

 

Allerdings, wie fast in der Pubertät quälen ihn Gedanken, ein anderer könnte seinen „heiligen“ Platz einnehmen, so er sich trennt und für Frau und Kind entscheidet. Momente, die den Mann von 54 Jahren doch ein wenig merkwürdig und wenig auf dem Boden des Lebens wirken lassen.

 

Das alles kommt in Sprache und Erzählfluss ohne Plattitüden daher, wird von Brasseuer sensibel  und emotional dicht nachvollzogen. Und lässt dennoch eine gewisse Distanz des Lesers nicht wirklich geringer werden, denn mehr und mehr stellt sich der Monolog als eine Art „Beklagen“ eines nicht erwachsen werden wollenden Mannes dar. Schwach wirkt dieses ständige aufrechnen von Vor- und Nachteilen der jeweiligen Frau und all das zieht sich auch ein wenig unnötig in die Länge im Buch.

 

Interessant dennoch, dass nicht moralische Kategorien es sind, die im Vordergrund stehen, sondern die faktisch vorhandenen „mehrfach-Möglichkeiten“ des Lebens, die einander ausschließen werden, aber im inneren Gefühl ein großes, Ganzes dennoch ergeben.

 

„Was für ein Mensch meine Frau ist. Bestimmt ein ganz besonderer, schließlich bin ich seit neunzehn Jahren mit ihr zusammen“.

 

Eigentlich also ganz einfach, wo die weitere Reise hingeht, oder? Wenn da nicht die andere Seite eben auch noch in gleicher Stärke sich beständig melden würde.

 

„Alix rief eine Mischung aus Wagemut und Schüchternheit in mir hervor“.

 

So bleibt die Frage, wer sich wozu entscheidet und ob sich entschieden werden kann oder ob für einen entschieden werden wird.

 

Ein durchaus interessant, wenn auch zu lang verfasstes Buch, das den Leser einerseits auf eine „Reise der Liebe“ mitnimmt, andererseits aber wenig Sympathie für den zentralen Protagonisten aufkommen lässt.


M.Lehmann-Pape 2015