Blessing 2014
Blessing 2014

Diane Setterfield – Aufstieg und Fall des Wollspinners William Bellman

 

Industriegeschichte, Fantasy und Entwicklungsroman

 

Willam Bellmann hat als Junge von 10 Jahren und vier Tagen das Erlebnis seines bisherigen Lebens und, was er nicht weiß, ein Erlebnis, das auch sein weiteres Leben prägen wird.

 

Mit seiner Zwille (perfekt und mit viel Liebe gefertigt) und einem perfekten Stein erledigt er aus unglaublicher Entfernung eine Krähe auf einem Ast.

 

Für ihn und seine anwesenden Freunde ein legendäres Ereignis.

 

Doch was William nicht weiß, Krähen sind „Seelenbegleiter“ Verstorbener. Krähen sind Beobachter, Krähen haben Kräfte.

Krähen sind die, die auf das menschliche Leben schauen und es „Kurzweil“ nennen.

Im Zurückblicken mein William sogar, einen schwarz gekleideten Jungen im Baum sitzen zu sehen.

 

Sei es, wie es sei, der Junge macht seinen Weg.

Wächst zu einem sehr attraktiven Mann heran, macht seine Erfahrungen, geht bei seinem Onkel in die Färberei in die Lehre und macht diese zu einem höchst erfolgreichen Betrieb.

 

Wie es auch privat „zu laufen“ scheint. Frau  und vier Kinder, ein kluger Blick für das wirtschaftliche Leben, alles könnte eine einzige Erfolgsgeschichte sein und bleiben, wenn da nicht zwei Schatten über seinem Leben schweben würden.

 

Der eine Schatten ist er selbst mit seinem Feuereifer eben nur für die Aufgaben, die Dinge des Lebens, seine Geschäfte. Privat, menschlich, da berührt ihn wenig im tiefsten Innersten.

 

Der andere Schatten aber, und dies ist der Fantasy-Anteil des Romans, ist jene Krähe.

„Mr. Black“ vielleicht auch genannt (man ahnt es, weiß es aber nicht genau).

Nach und nach sterben seine damals mit anwesenden Freunde. Seine Mutter. Und auch Frau und Kinder stehen unter diesem Schatten. Während William scheinbar unberührt von allem seine Kreise zieht. Bis Mr. Black in sein Leben tritt und eine langsame Entwicklung in William beginnt.

 

Durchzogen von mythisch-episch formulierten Texten über Krähen bildet Setterfield in ihrer Rahmenhandlung ein Abbild jener frühen Industriegeschichte nach, die mit Färberei und Warenhaus sehr detailliert von ihr beschrieben werden.

 

Und das in einer Sprache, die selbst ein wenig wie aus dieser Zeit wirkt.

Blumig, bildreich, flüssig, manches Mal scheinbar aber mehr an der Form des Erzählens als am Inhalt interessiert.

Wie da wie nebenbei und ohne weiteren Einfluss auf die Geschichte die Tode der Jugendfreunde eingeflochten werden oder jener der Mutter (und andere), das hätte schon mehr Aufmerksamkeit gerade in Bezug auf die unbekannten „Kräfte der Krähen“ verdient gehabt.

 

Einige sachlogische Ungereimtheiten treten hinzu.

 

So wechselt die Perspektive bei der Beerdigung der Mutter von William, bei der er sich irgendwie „angestarrt“ fühlt plötzlich auf seinen Onkel Paul, der sich an den „starrenden Blick“ erinnert, um unvermittelt wieder bei William zu landen, der sich nach dem „Starrer“ umschaut. Wer nun genau angestarrt wurde, bleibt unklar und wirkt, als hätte die Autorin nach einer Schreibpause die Personen einfach verwechselt.

 

Ebenso kommt es zu Beginn dem Leser vor, als hätte William nur einige Tage zunächst in der Färberei verbracht, bevor umgehend danach sein Onkel darüber sinniert, wie sehr er den Jungen nach diesem „einen Jahr“ der Arbeit vermisst.

 

Die bedeutungsschwangeren Einschübe zur „Krähe“ und zur „offenbarten“ Erinnerung des Menschen in der Stunde seines Todes wirken dann letztendlich zu übertrieben bedeutungsschwanger im Gesamtablauf des Romans und verdichten zudem die Entwicklung des Mannes Bellman in wenige Sätze, für die im Vorfeld eben zu wenig von dieser Entwicklung zu spüren war.

 

Schön erzählt, detailreich im Blick auf die dargestellte Zeit, doch auch mit einigen Längen und Unklarheiten bietet Setterfield eine flüssige Geschichte, der es an manchen Punkten aber an Spannung, leichtem Grusel und emotionaler Dichte fehlt, um den Leser wirklich zu fesseln.


M.Lehmann-Pape 2014