Goldmann 2014
Goldmann 2014

Donna Tartt – Der Distelfink

 

Meisterwerk

 

Herrmann Hesse hat „das Korrigieren“ als die größte Freude an seiner schriftstellerischen Arbeit benannt. Das Wegstreichen allen Überflüssigen, das Einsetzen genau der richtigen Worte, bis, zu guter Letzt, die „Essenz“ auf dem weißen Papier sich eingefunden hatte.

 

Eine solche „Essenz“ stellt auch Donna Tartt in ihrem künstlerischen Schaffen her, wie auch dieser neue Roman wunderbar aufzeigt.

Weniger durch Wegstreichen von Worten allerdings, viel mehr durch die genaue Setzung ihrer Worte, die Dichte ihrer Schilderungen, die Auslotung aller Personen im Buch, eine Tiefe, die „wie nebenbei“ daherkommt und zugleich ganze Bilderwelten im Leser erzeugt.

 

Jeder Ort im Buch, jede Straße, die Zimmer in den Häusern und, vor allem natürlich, jede Person, werden so in mühelos wirkender Erzählung mit hohem Sprachschatz und wunderbarem Fluss der Worte in ihren Dimensionen fassbar und sichtbar, greifbar für den Leser.

 

Mal wie eine kleine, mit wenigen Worten seines energievollen Handelns erzeugten, Charakterstudie, führt man sich „Goldie“, den Concierge des Wohnhauses von Theo und seiner Mutter vor Augen.

Mal mit wenigen, poetischen Bildworten „wie bei einem jagenden Geschöpf mit scharfem Blick allein in der Prairie“, was das Äußere von Theos Mutter betrifft, bis hin zu Pippa, dem kleinen Mädchen, dass Theo beim Museumsbesuch schon auffällt und das später eine gewichtige Rolle noch spielen wird.

 

Die „Gastfamilie“ wird dabei in der Exklusivität der Gattin und der leichten inneren Abwesenheit des Ehemanns genauso getroffen, wie die verschiedenen „Hauptamtlichen“, Lehrer, Sozialarbeiter und Psychologen, die sich nach dem Anschlag, der Theos Mutter das Leben kostete, um den verwaisten Theo kümmern.

 

Dessen Geschichte erzählt Tartt auf den über 1000 Seiten des Buches.

 

Mal in schonungslos direkter Art und Weise, wie beim Erleben des Bombenanschlages und dessen direkter Folgen im Museum direkt durch die Augen Theos hindurch betrachtet. Eine Sequenz, in der man sich in einen Stephen-King-Roman versetzt fühlt.

Oder die bedrängenden Momente, präzise von Tartt beschrieben, wie Theo nach dem Terroranschlag allein in der Wohnung auf seine Mutter wartet und das ungläubige Entsetzen träge jeden Winkel der Wohnung und seines Wesens in Beschlag nimmt.

Und mal in breiter, auf das Milieu und die Atmosphäre gerichteter Erzählweise, die Charles Dickens oder Thomas Mann es nicht besser haben nutzen können.

 

Und das alles in sehr differenzierter, den Moment auslotender Art und Weise.

Schwarz und Weiß nutzt Tartt so gut wie nie zum Voranbringen ihrer Geschichte.

 

Alles hat viele Seiten, wie das Leben eben „in echt“ so ist.

„Reine Helden“ tauchen nicht auf. Der Leser weiß von den ersten Seiten an, dass der in der Gegenwart erwachsene Theo, in Amsterdam sich befindend, in Schwierigkeiten steckt. Zumindest eine dunkle Seite in sich trägt, grundlegend geprägt wurde vom Geschehen des gewaltsamen Todes der Mutter. Der aus dem Museum das Lieblingsbild seiner Mutter wie einen Halt „mitbekommen“ hat. Den „Distelfink“, der mit zunehmender Zeitdauer eine zunehmende Bedeutung im Buch erhält.

 

Theo, dessen größte Angst es in der Kindheit war, das seine Mutter nicht von der Arbeit zurückkehrt, dass er einsam und verlassen sich wiederfindet. Und genau dies tritt ein, diese „Nicht-Wiederkehr“. Mit all ihren vielfachen Folgen. Bis in die Gegenwart hinein.

 

Ein Verbrechen ist Geschehen, in Amsterdam. Mit Alkohol und anderen „Stoffen“  hat wohl dieser Theo der Gegenwart reichlich Erfahrung gesammelt. So sieht es aus, jetzt.

Was aber ist passiert, von damals bis heute in diesen Jahren?

 

Ein Entwicklungsroman sondergleichen, der jeder Faser der Personen und der tragenden Hauptfigur nachgeht. Ein atmosphärisch dichtes Buch, welches die Menschen und ihre Lebensweisen immer wieder in den Mittelpunkt mit rückt. Eine vollendete Sprache, die den Leser mitten hinein nimmt und keiner der über 1000 Seiten des Buches als Länge oder als überflüssig empfinden lässt. Die von Beginn an neugierig macht und neugierig hält, wie diesem Theo geschieht und allem, was ihm begegnet

 

 

Die 10 Jahre Entstehungsdauer dieses Buches merkt man dem Buch in bester Form schlicht in jeder Sequenz an. Und weiß gar nicht, ob man dem Sog des „schnell-Lesens“ nachgeben soll oder lieber langsam diese literarische „Entdeckungsreise“ liest. Aus dem Bedauern heraus, dass dieses Buch endlich ist und das nächste wohl wiederum lange auf sich warten lassen wird. Denn "Perfektion verträgt keine Schnelligkeit", wie Donna Tartt es für ihre Art des Schreibens sagt.

 

M.Lehmann-Pape 2014