Klett-Cotta 2011
Klett-Cotta 2011

Douglas Coupland – Jpod

 

Gott ist eine Anwendung im Dock von Window Maker.....

 

......oder doch eine schnelle XML-Bibliothek für Java? Vielleicht ein Dienstprogramm zum Konfigurationsbackup? Oder gar alles zusammen und noch mehr?

 

Zumindest ist klar, in welcher Welt Jpod spielt. Coupland siedelt sein neuestes Werk (dass sich einer Typisierung in Form gewohnter Genres rasch entzieht)  mitten hinein in die Welt der Ipods, Computer, des Internet und was alles dazugehören mag, vor allem an Nutzern und Betreibern dieser Welt.

Ethan Jarlewski ist Spieledesigner. Kein sonderlich glücklicher, nebenbei. Das ist allerdings noch nicht einmal die halbe Miete, denn auch ansonsten erinnert sein alltägliches Leben zur Zeit, wie Coupland es schildert, eher an teils bitterböse Satiren denn an ein einigermaßen geregeltes Leben. Immer wieder unterbrochen von sprachlichen Verwirrungen allererster Güte führt Coupland mittels der Figur Ethan ein in einen übersteigerten, letztlich vielleicht doch ganz normalen Wahnsinn modernen Lebens. Zumindest alles, was der „Generation Web 2.0“ in übersteigerten Beschreibungen Spaß macht, macht auch das Leben des Ethan und seiner Kollegen aus.

 

Junk Food (Subway Diäten), ebay, google, das Web an sich, die hippen Fernsehsendungen, alles, was eben gerade in ist (und nicht funktioniert). Eine Existenz der Moderne auf einfachster, konsumorientierter Ebene mit all dem Spielzeug, mit dem man sich die Zeit ein wenig vertreiben kann. Zur Zeit sind die Designer damit beschäftigt, für ein weiteres, nichtssagendes Spiel per Auftrag einen mitreißenden Charakter zu entwickeln.

 

Allerdings, so ganz wird sich Ethan auf diese Aufgabe nicht konzentrieren können. Seine Mutter bringt einen Rocker um. Ein chinesischer Gangster entfaltet sich als Tanzlöwe und zwischendrin dreht sich die Geschichte auch ein wenig um einen Schriftsteller, der Douglas Coupland genannt wird. Im Buch, versteht sich.

 

Wer bei all dem einen roten Faden, eine durchgehende Geschichte erwartet, der wird viel Geduld aufbringen müssen, denn Coupland folgt scheinbar jedem seiner spontanen Gedanken (und verlässt ihn ebenso schnell wieder). Selbst in den Momenten, in denen so etwas wie Selbsterkenntnis der Protagonisten durchscheint („Ich fühle mich so alt....) verliert sich der Gedanke rasch wieder in der Betrachtung von Hustensafträuschen. Und als von einem Blaubeerkuchen die Rede ist, den Ethans Mutter mitgebracht hat, samt Stoffserviette, da wird es doch zu intim und das Gespräch lieber abgebrochen. Es bleibt eben bei Vitamin T (wie Tratsch). Alles andere könnte dann doch zu persönlich und damit gefährlich werden.

 

In sprühender Sprache und höchst satirisch lässt Coupland letztendlich im Buch die unglaubliche Banalität des modernen Lebens vor den Augen des Lesers  Revue passieren. Mit Charakteren, die außer einem 16 Stunden Arbeitstag so gut wie nichts interessantes aufzubieten haben und lieber im „Jpod“ sitzen bleiben, weil sie „da draußen“ nichts wirklich erwartet. Ein Leben, das nur darauf angelegt ist, die bewusste Zeit zwischen Leben und Tod möglichst kurzweilig und ohne allzu tiefes sinnieren verstreichen zu lassen und sich dabei der Hilfe all der kleinen, modernen Errungenschaften bedient, die den Tag zwar nicht wertvoller, die Stunden aber kürzer machen. Welch wunderbar in den Raum geworfenes Ende, dass ENDLICH Abhilfe geschaffen wird und statt der Spieleschmiede „Jpod“ nun „DGLOBE“ das Maß der Dinge ist. Und doch wird sich auch mit Dglobe nichts ändern, der Leser ahnt es über das Ende des Buches hinaus.

 

Ein Buch voller verklausulierter und dennoch treffender Beobachtungen einer Welt, die sich quasi selber in Bedeutungslosigkeit auflöst. Voller Charaktere, die sich selber sicher für völlig „normal“ halten, dem Betrachter aber als durchgehend verrückt erscheinen (auch ein Bild einer modernen Welt, in der Menschen als „Insulaner“ nur mehr eigenen Regeln folgen und ein sozialer Abgleich an sich schon anrüchig wirkt (und zu anstrengend). In einem Stil verfasst und geschrieben, dem man sich als Leser allerdings tatsächlich mit Anstrengung stellen muss und der einem genauso den Kopf verdrehen kann, wie die Frage, was in all den Angeboten des Alltages sinnvoll sein mag und was nicht. Zu Empfehlen vor allem für Coupland Geübte (und solche, die einen ersten Blick auf die Form seiner Kunst zu werfen gedenken).

 

M.Lehmann-Pape 2011

Douglas Coupland

 

geboren 1961, wuchs in Vancouver auf, wo er auch heute lebt. In den späten Achtzigern begann er für lokale Magazine zu schreiben, daraus resultierte 1991 sein Erstlingswerk »Generation X«, das ihn schlagartig berühmt machte und zum Sprachrohr einer Generation werden ließ. (Quelle: Klett-Cotta Verlag)