Hoffmann und Campe 2016
Hoffmann und Campe 2016

E.M. Forster – Die Maschine steht still

 

Kein Blick auf eine „schöne neue Welt“

 

Man braucht nur wenig Fantasie, um sich vorzustellen, was in dieser, sich rasend schnell „digitalisierender“ Zeit geschehen würde, wenn der Strom für längere Zeit ausfallen würde.

 

Für fast jeden Betrieb, jedes Unternehmen, ob klein oder groß, stellt es ja bereits ein kaum zu beherrschendes Problem dar, wenn die Internetverbindung für längere Zeit nachhaltig gestört sein sollte.

 

Die Vision vom „Fortschritt durch Technik“, von einer ständig wachsenden Welt im Blick auf Ertrag und allgemeinem Wohlstand, die über Jahrzehnte hinweg als gesetzt „Mainstream“ war, erhält in der Gegenwart ebenso erkennbare Risse, wie die Technik nun wirklich nicht in jeder Beziehung „zum Segen des Menschen“ sich entfaltet, sondern eher zum „Segen des Marktes“ hin sich mehr und mehr ausrichtet.

 

1909 hat E.M. Forster sein Bild einer nicht unbedingt anzustrebenden Zukunft in einem kurzen Text ausgedrückt. Ein Werk, das zum einen durch seinen Detailreichtum technischer Visionen verblüfft, die in vielen Fällen gar nicht allzu weit von dem entfernt sind, was heute Gang und Gäbe ist. Und in dem, zum anderen, dieses vermeintliche „Scharaffenland“ sich zur Qual hin entwickeln wird. Mit Folgen.

 

Bis hin zu den letzten Sätzen des Buches verdeutlicht Forster diese Reibung und Spannung zwischen einerseits dem Abgeben sämtlich lästiger Pflichten bis hin zur zwischenmenschlichen Kommunikation untereinander (das Internet lies somit 1909 schon grüßen) und andererseits der damit einhergehenden Degeneration menschlichen Seins samt dem (fast) kompletten Verlusts persönlicher und gesellschaftlicher Freiheit.

 

Wobei Forster immer wieder hintergründig (und im Finale dann ganz offenkundig), den Wunsch nach Individualität und persönlicher sowie gesellschaftlicher Freiheit im Buch mitschwingen lässt. Und die Reibung, quasi „faschistisch“ regiert zu werden. Ein zustand, bei dem „Brot und Spiele“ eben nicht dauerhaft ausreichen.

 

„Ich war umgeben von künstlicher Luft, künstlichem Licht und künstlicher Stille“.

 

Forster versteht es dabei ungemein eindringlich, die äußere Situation, die er setzt (Leben in einer unterirdischen Stadt mit all ihren „künstlichen (vermeintlichen) Annehmlichkeiten in Parallele zu setzten zur „inneren Künstlichkeit“ der Bewohner der Stadt. Die ihren zu hohen Preis hat, wie sich herausstellen wird, denn letztlich stehen in der Anfangssituation dieser „nicht schönen neuen Welt“ die Menschen „der Maschine“ zur Verfügung und nicht umgekehrt.

 

„Die Menschheit hat ihre Lektion gelernt“. Wobei Forster sehr geschickt in den letzten zwei Sätzen offen lässt, ob dies nun wirklich, bei allem Kampf und Widerstand, der vorher im Roman thematisiert wurde, wirklich der Fall sein wird.

 

Eine verblüffend moderne und realistische Warnung vor der „Verherrlichung der Technik“ und ein Aufruf zu eigenen Visionen den „Sternen“ entgegen.

 

 

M.Lehmann-Pape 2016