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Wir haben noch das ganze Leben – Eshkol Nevo

 

Freundschaft

 

Freundschaft ist jenes Wunderelixier, dass uns im Leben zutiefst zu prägen vermag. Die ganz besondere, tiefgehende und ereignisreiche Freundschaft der vier Protagonisten wird in diesem wunderbaren Buch erzählt.


Es ist 1998 die vierte Fußballweltmeisterschaft, die Ofir, Churchill, Amichai und Juval gemeinsam verfolgen. Selbst der Krankenhausaufenthalt Juvals zum Zeitpunkt des Finales 1994 hinderte die anderen Drei nicht, mit Knabbereien und genügend Wodka das Krankenzimmer zur Fanmeile um zu gestalten.


Vier Schulfreunde, die ihre Freundschaft in den nun folgenden Beginn Ihres erwachsenen Lebens in Tel Aviv mit hinübergenommen haben. Vier Personen, die eine je ganze eigene Ausprägung besitzen. Diese Vielfalt ergänzt einander und hält die verschworene Freundschaft lebendig. Ein Glück, das es diese Weltmeisterschaften gibt, "so gerinnt die Zeit nicht zu einem großen Klumpen und alle vier Jahre kann man innehalten und schauen, was sich verändert hat". 1998 wird etwas anderes nun hinzutreten. Jeder der Freunde schreibt drei Wünsche auf und bei der nächsten WM 2002 soll Bilanz über das Erreichte gezogen werden.


So verschieden die Freunde sind, so verschieden die Ziele. Von Liebesdingen über Karrierepläne und das Schreiben eines Buches reichen  die Vorhaben. Und doch kommt alles anders, und wiederum nicht. Denn jeder der Freunde wird seine Ziele verfehlen, aber zumindest einen der Wünsche erfüllen. Nur, dass die erfüllten Wünsche nicht die eigenen waren. Und dass sich herausstellen wird, dass eben nicht jeder der Vier "noch das ganze Leben" haben wird. Aber bis 2002 ist es noch ein langer Weg von 430 Seiten, auf denen Nähe und Streit, verbindenden Erlebnisse und tiefe Belastungen (das Verkraften des Ausspannens der Freundin durch einen Freund ist sicher eine der größten Bewährungsproben, die Männerfreundschaften erfahren können) sowie die jeweils ganz eigene Geschichte der Protagonisten erzählt werden.


In einer Art und Weise erzählt werden, in die man sich verlieben könnte. Die Qualität der Sprache Nevos zieht den Leser Seite für Seite in den Bann. Der Klappentext trifft es auf den Punkt: "Es ist unmöglich, sich nicht in dieser vier Männer zu verlieben" und dass dem so ist liegt in hohem Maße an der sprachlich hervorragend erzählten Geschichte, den sprachlich ebenso hervorragend erzählten Entwicklungen der Männer, die immer wieder eine andere Facette ihres Wesens beleuchten und an der sensibel und immer treffend geschilderten Dynamik, die dieser besonderen Freundschaft zu Grunde liegt.


Eine besondere Spannung ergibt sich aus dem Beginn des Buches, Nevo greift der Geschichte vor, indem bereits im Vorwort anklingt, dass der Nachlass eines der Freunde, Juvals, durch seinen Freund, den Juristen Churchill geordnet wird. Was ist passiert und wie ist es dazu gekommen? Die große Leitfrage des Buches, zu deren Beantwortung der Leser Seite für Seite hingeführt wird.

 

Fazit: Ein sprachlich wunderbar umgesetztes Porträt des Wesens von Freundschaft, verpackt  in einer mit hinein nehmenden Geschichte von Eshkol Nevo. Nach "Vier Häuser und eine Sehnsucht" bereits der zweite, große Roman Nevos.

 

M.Lehmann-Pape 2010