Ullstein 2015
Ullstein 2015

Edith Pearlman – Honeydew

 

Filigran

 

Auf eine ganze eigene Weise in Ausdruck und Atmosphäre, sehr filigran in der Sprache und wunderbar das Innere Ihrer Personen (und das des Lesers) treffend (schon mit nur einigen Andeutungen), so zeigen sich diese zwanzig Erzählungen, Kurzgeschichten in Edith Pearlman´s neuem Werk.

 

Dass aus einem Hut Lose gezogen werden können für spätere Ehepartner. Und das initiiert von der vom Leben bereits mitgenommenen Mutter eines der vier lebenslustigen Mädchen an diesem besonderen Abend. Mitten hinein in eine Lebensphase der beginnenden Schwärmerei, der romantischen Überzeugung, dass es „den Richtigen“ gibt, der nur gefunden werden muss in der großen Masse der Männer, das ist schon ein besonderes Setting.

 

Und dabei wissen die Mädchen noch nicht einmal, dass die Verlosung ein wenig „aufgefrischt“ worden ist.

 

Sei es nun das vordergründige Thema der „Überbewertung von Schwärmerei und Liebe“ in der Ehe. Sei es die klare These, dass man sich an jede andere Person durchaus „hineinlieben“ kann (oder zumindest ein vernünftiges Leben mit dieser organisieren kann).

 

Sei es das hintergründige Thema einer gewissen Wahllosigkeit des Lebens, das offen ist gegenüber Manipulationen, wenn sie nur bestimmt genug vorgetragen werden.

 

Oder sei es die Beobachtung, dass auch die „Spielerinnen“ das System dennoch durchbrechen können, in ihrer lakonischen Sprache, dem hier und da kurz angedeuteten Erschrecken vor der eigenen Courage, vor allem aber in der Schilderung der Hinfälligkeit von allem, wenn es dann eines Tages soweit ist, das liest sich intensiv und sehr, sehr wohl überlegt.

 

Wobei die „Liebe in besonderer Form“  nicht nur in dieser Geschichte eine Rolle spielt. Ohne offenkundig erotisch zu werden, mehr aus den einfachen Schilderungen eines alltäglichen Lebens und familiärer Notwendigkeiten heraus betrachtet Pearlman in einer anderen Geschichte die Grenzenlosigkeit innerer Bindungen und körperlicher Anziehung, selbst bei Jahrzehnten des Altersunterschiedes zwischen der alternden Frau mit ihrem eigentlich metropolischen Lebensstil und ihrem viel jüngeren Verwandten, dem sie nur in einer angespannten Zeit kurzfristig zur Hand gehen sollte.

 

Hier wie da und wie in den anderen Geschichten, die Grundthemen eines modernen Lebens, eine gewisse Orientierungslosigkeit, ein Handeln „ins Blaue hinein“, die Kraft zum Verzicht und die Horizontlinie der Vergänglichkeit und damit der Relativierung all dieser manchmal so drängend wirkenden „Wichtigkeiten“, das sind Themen, die Pearlman in ihrer persönlichen bildkräftigen Sprachform dem Leser vor Augen führt. Und dabei, in diesem  Buch, vielfach Frauen in den Mittelpunkt der Handlungen setzt (die keine einfach glücklichen Leben in der „Normalität“ zu kennen scheinen).

 

So wie dieses alte Ehepaar ein ganzes Leben voller Gewohnheiten, voller gleicher Abläufe und voll der Sammlung alter, antiquarischer „Dinge“ einfach so aus den Händen verliert. Und, wie sich herausstellen wird, hinter der Fassade der langen, gemeinsamen Jahre nicht alles so war, wie es schien. Und sich als Illusion erweist, als die Kräfte der Frau nicht mehr ausreichen für ihre exotische „Sammlung des Lebens“. Ein Hauch, der umgehend vergeht.

 

Gerade in dieser Geschichte ist dies ganz kühle, lakonische Betrachtung des letztendlichen Verlustes von allem (der zwar ein Drama für die Beteiligten darstellt, aber sich in den Abläufen des Lebens einfach so, unprätentiös, vollzieht) voll unnachgiebiger Härte, dem Leben und den Versuchen des Menschen gegenüber, sich selbst durch Dinge und Gewohnheiten einen Sinn zu geben.

 

Es sind ganz einfache Leben, die durch große und kleine Ereignisse in ihrer gewohnten Bahn verändert, beeinträchtigt werden, mit ganz verschiedenen Folgen, immer aber mit einem Hauch des Sinnlosen versehen, Als ob es genauso gut auch ganz anders sein könnte, kommen könnte, ohne dramatische Veränderungen wirklich zu bewirken.

 

Eine intensive, besondere, sehr empfehlenswerte Lektüre mit vielen Impulsen, die dem Leser das Leben an sich mit seinem unerbittlichen Lauf und seinen Enttäuschungen vor allem über die Sucht nach Bedeutung vor Augen führen. In denen auch vermeintliche „Starke“ (wie die Besitzerin eines Antiquitätenladens“ innerlich bei weitem nicht so standfest sind, wie sie zunächst erscheinen mögen. Und ein hoher sprachlicher Genuss.


M.Lehmann-Pape 2015