S.Fischer 2015
S.Fischer 2015

Edouard Louis – Das Ende von Eddy

 

Dicht

 

„Mein Bruder wurde von seiner Wut überwältigt. Er schlug meinen Vater. Mein Vater….weigerte sich, wollte seinen Sohn nicht schlagen. Er nahm die Schläge hin“.

 

Ein kurzer Einblick in  die häuslichen Verhältnisse, der einen Eindruck davon zeigt, wie direkt, klar, ohne Verzierungen oder Schnörkel Edouard Louis in seinem Debütroman die Dinge erzählt.

 

Klar und gerade deswegen schmerzlich, auch für den Leser.

 

Viel autobiographisches Erleben lässt Louis in seine Schilderung mit einfließen, die sich im Kern nicht unbedingt um Die Wut des Bruders, das aggressive Auftreten zu Hause drehen, sondern die ein grundlegendes, menschliches Thema darstellen:

 

Das Abgestoßen sein und werden von anderen. Das „Mütchen kühlen“ (was viel zu niedlich klingt) in jenem unteren sozialen Milieu, in dem „Eddy“ aufwächst und einfach zu anders (und dabei zu schwach wirkend) im Leben steht.

 

Eddy mag Jungs und Männer, ist homosexuell. An sich bereits ins einen Kreisen ein no Go. Und wenn dann noch einer da steht, der durch sein Wesen sich fast selbst als „Opfer“ einlädt, dann wird es hart.

 

Für Eddy und den Leser.

 

Und das ganze flüssig, klar, mit wunderbarer präziser Sprache erzählt. Ein Entwicklungsroman der härteren Art, eine Milieustudie der selbsternannten „echten Kerle und Männer“, die zu allen Zeiten der Weltgeschichte ihr Alphatiergehabe immer gern an den Underdogs, den Schwächeren, den anderen demonstriert haben.

 

„Vincent, mein großer Bruder, hörte nicht hin. Er ließ nicht locker, bellte, stotterte, bewarf mich mit Schimpfworten aller Art. Er wollte mich endlich in die Fänge kriegen“.

 

Ja, es tut Not, dieses „Ende von Eddy“, das im Buch wie im Leben eine unverhoffte Wendung nehmen wird und das Ende der Drangsal in erreichbare Nähe zu bringen scheint.

 

„Die ganze Nacht entwarf ich mein neues Leben, fern von hier“.

 

Ganz und gar entblößend entlarvt Edouard Louis in diesem faszinierenden Werk jene „rauen Sitten“, die in viel zu vielen Bereichen des Lebens noch als „Männlich“ gelten, als „Signale von Kraft und Stärke“ missverstanden werden und die in der Gegenwart zeigen, wie wenig humanistische Toleranz und einigermaßen breite Grundbildung wirklich in der Mitte der Gesellschaft angelangt sind.

 

Wie ein bisschen Tünche wirken wohlfeile Worte in Talk Shows oder in der Politik, wenn man bei Louis die Wirklichkeit glaubhaft so nachlesen kann, wie er sie ungeschönt beschreibt.

 

Sprachlich ein Genuss, inhaltlich ein Fanal.

Mit der Quintessenz, dass sich am „Tier Mensch“ im Lauf der Jahrhunderte auch der Geistesgeschichte wahrlich wenig geändert hat, wenn gemeinsam auf die „Andersartigen“ losgeprügelt wird, um sich selbst als „Richtig“ zu fühlen, und sei es nur für den Augenblick und sei es nur in der eigenen, kleinen, dummen Welt.

 

„Geradezu ausweglos, von vorneherein festgelegt“. So scheint es an vielen Orten der Welt immer noch und immer wieder und dauerhaft zu sein und zu bleiben. „Alles Schwuchteln eben“, sagt der „Mann“, wenn er was nicht kennt oder ihn was überfordert.

 

Eine sehr zu empfehlende Lektüre.


M.Lehmann-Pape 2015