Heyne 2013
Heyne 2013

Edward Rutherford – Im Rausch der Freiheit

 

Die Geschichte New Yorks

 

Es ist einfach die Spezialität von Edward Rutherford von Anfang an, die Geschichte eines bewegenden, wichtigen geographischen Ortes im Rahmen eines historischen Romans anhand nahekommender, konkreter Familiengeschichten zu erzählen. Was sich bereits bei Salisbury“ in „Sarum“ und an anderen Orten sehr bewährt hat, ergibt nun auch in Bezug auf New York einen farbenprächtigen, gut erzählten und in den Personen ausgereiften Roman in epischer Breite.

 

Angefangen damit, dass Dirk van Dyck sich niederlässt in Nieuw-Amsterdam, im heutigen Manhatten, dem Herzen von New York. Seine und die der ihm im Guten wie in eher Gegnerschaft verbundenen Familien damals, am Hudson, erzählt Rutherford auf den über 1000 Seiten seines Romans. Eine Geschichte, die sich um Träume und Hoffnungen, harte Arbeit und den Kampf des Lebens dreht und drehen wird.

 

„Das also war Freiheit“, lautet der erste Satz des Buches und lautet auch das Programm des Romans. Freiheit der Möglichkeiten, Freiheit zu Entscheidungen, aber auch die alleinige Verantwortung für sein Leben, im Wachsen des Ortes, der Stadt. Und ebenso wird gleich zu Beginn des Romans auch diese andere Seite der Freiheit in den Raum gesetzt. Die Gefährdungen durch „viel Freiheit“. Denn Dirk verbindet eine Liebe, neben seiner „eigentlichen Familie“ mit einer Indianerin. Eine Liebe, die nicht folgenlos bleibt und die über Generationen hinweg ihre Folgen zeigen wird.

 

Über einen Zeitraum von gut 350 Jahren hinweg verbindet Rutherford nun vor allem den Leser mit den Personen, führt ihn hinein in die „Guten und die Schlechten“, die Verbindungen untereinander, die Gegnerschaften, die Intrigen, die Lieben, die sich entfaltenden Personen und Lebensweisen. Hier und da treten im Lauf der Einwanderungen neue Akteure hinzu, während andere „Familienlinien“ sich auflösen werden. Und Rutherford lässt anhand dieser Geschichte die Entwicklung der Stadt (vom Landraub an den Ureinwohnern angefangen) Revue passieren. Wie eben aus dem spärlich besiedeltem Landfleck mit den harten Lebensbedingungen, von den Indianern „Mana Hata“ genannt, das Herz einer pulsierenden und prosperierenden „Stadt der Städte“, „Manhattan“ werden wird.

 

Eine Geschichte, die ebenso verdeutlicht, wie sich die Zeiten selbst wandelten (Sklaverei, Gangster, Unabhängigkeit). Durchaus aber auch eine Geschichte die aufzeigt, dass ein „Kern an Familien“ ein durchaus tragendes Element in der Entwicklung sein kann und wohl immer sein wird. Was im Übrigen zur Entwicklung an vielen Orten Amerikas passt, denn immer sind es auch überschaubare, verwobene Familien-Dynastien, die an entsprechenden Orten ihre Wegmarkierungen gesetzt und hinterlassen haben.

 

Immer wieder geschickt verbindet Rutherford den roten Faden der „Familiengeschichten“ mit den historischen Ereignissen und herausragenden Figuren je der Zeit. Bis hin zu den Entstehungsmomenten einzelner Stadtteile, So ergibt sich auch eine Sittengeschichte, ein Verständnis für den politischen Weg Amerikas durch die Zeiten, Und dies ohne zu historisch trocken oder zu „faktenorientiert“ abzugleiten.

 

Ein flüssig geschriebener, epischer „historischer Familienroman“ mit umfassender Betrachtung der Geschichte einer Stadt und eines ganzen Landes.

 

M.Lehmann-Pape 2013