Blessing 2014
Blessing 2014

Edward Rutherford - Paris

 

Stadt- und Familiengeschichte von epischem Ausmaß

 

Aristokraten, Händler, Arbeiter, Revolutionäre, Kurtisanen, Katholiken, Protestanten, Juden.

 

So breit unterschiedlich die Charaktere sind, anhand derer Rutherford sich nun wieder einer Stadt, einer "Zeitreise" durch die Entstehung und das Ergehen einer Stadt von Weltruf arbeitet, so wechselhaft ist auch die Geschichte der Stadt.

 

Und natürlich, in der Anlage des "Personales" (das eine fast unüberschaubare Vielzahl an Personen im Buch enthält) stellt Rutherford nach seiner bewährten Manier "Corporated Identities" je in den Mittelpunkt der Ereignisse, die er in epischer Breite auf den gut 900 Seiten des Buches schildert.

 

Eigentlich könnte man sagen, dass Rutherford seine bekannte Art und Weise, "Stadtgeschichte" zu schreiben anhand konkreter, sich ausbreitender und miteinander verwobener "Familien" in diesem Roman auf die Spitze getrieben hat. Was die Breite und Fülle der einzelnen "Stationen" der Stadtgeschichte angeht, was die Fülle der Lebenswege und deren familiärer Verzweigung im Lauf der Jahrhunderte angeht und was natürlich den Raum einnimmt, den Rutherford in diesem Buch dem Leser an die Hand gibt.

 

Obwohl sowohl die Startvoraussetzungen der Familien hoch unterschiedlich sind und ebenso deren Lebenswege in den einzelnen Generationen, hier und da kreuzen sich immer die Wege der Beteiligten und bieten den roten Faden, die erzählerische Ebene für die reichhaltige Entwicklung von Paris.

 

Gründung, groß werden, Protestantenverfolgung, Umgang mit Juden, Adelskonflikte untereinander und mit dem "Volk", Vorurteile, Standesdünkel, Auflehnung, die sich verändernde Stellung der Frau, all das und noch viel mehr sind Themen, die Rutherford anhand der geschichtlichen Fakten einarbeitet und beschreibt.

 

Wobei weder die bauliche Entwicklung der Stadt zu kurz kommt noch die Heerschar an Künstlern, die dort gewirkt und gelebt haben unerwähnt bleibt.

 

All das legt Rutherford in gewohnt einfacher und breit erzählender Sprache vor. Wobei er allerdings vielfach zwischen den Zeiten, den Familien, den einzelnen Protagonisten in den Generationen die Perspektive wechselt und dabei immer wieder auch neue Personen einführt. Überschlägt man an manchen Stellen einige Seiten, findet man sich unverhofft an ganz anderem Ort mit bis dato nicht bekannten Namen wieder, ein Stil, der eine konzentrierte Lektüre benötigt und leicht zu Verwirrungen und einfach auch Überforderungen gegenüber der Masse der Personen führt. Auf Dauer ist es dem Lesefluss auch nicht förderlich, oft und oft noch einmal und wieder den Stammbaum im Buch zu Rate ziehen zu müssen, wer jetzt gerade wer ist.

 

Was ebenfalls leider nicht durchgehend spürbar emotional im Raume steht ist dieses bestimmte "Pariser Flair", das an manchen Stellen durchdringt, in weiten Bereichen aber leider nicht unbedingt erkennbar mitschwingt. So könnten einige Teile des Buches auch an jedem anderen bekannten Ort der Erde ihren Verlauf nehmen.

 

Letztlich ein klar erkennbarer "Rutherford" mit bekanntem Schema, der trotz mancher Längen auf den vielen Seiten die Geschichte der Stadt ebenso vor Augen führt, wie er den Leser mit dem ein oder anderen Protagonisten emotional nahe bringt und mit diesem gemeinsam so manche Epoche plastisch vor Augen geführt bekommt.

 

 

Historisch fundiert, mit kreativer Fantasie und flüssigem Tempo trotz mancher Längen und Verwirrungen eine anregende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014