Suhrkamp 2015
Suhrkamp 2015

Einzlkind – Billy

 

Weltbetrachtungen aus besonderem Mund

 

Ein Auftragskiller. Wobei dies zunächst eher eine untergeordnete Rolle für diesen sprachlich und philosophisch reifen Roman spielt und auch späterhin zwar die Erklärung für das anregend ungewohnt gestaltete Finale in sich trägt, nicht unbedingt die Spannungskurve des Romans trägt.

 

Auf dem Weg nach Vegas ist dieser Billy, Teil eines „Familienunternehmens“ der „besonderen Art“. Zwei „Aufträge“ im Jahr nur werden angenommen, eine feste, hohe Summe bringt das Einkommen ein, ein ebenso fester Zusammenhalt, Vertrauen und Verschwiegenheit untereinander bei den vier „Betriebsangehörigen“ gehört unbedingt dazu.

 

Schotten durch und durch, Onkel, Bruder und Billy. Bis auf Whip, mit dem  Billy eine Woche in Las Vegas verbringen will, engste Familie, seit Kindertagen einander vertraut.

 

Ein besonderes Familienunternehmen, das besondere Gedanken mit sich bringt, zumindest bei Billy. Er hinterfragt. Seine Tätigkeit. Das Ende des Lebens. Die Fragen nach Strafe und Rache. Die Welt, wie sie ist. Eine philosophische, reflektierende Seite, die sein Onkel Seamus, Vaterersatz und Mentor, immer schon ihm abgefordert, gefördert hat.

 

Und so fährt der Mann von Mitte 30 nun mit ebenso offenen Augen nach Las Vegas. Sieht rechts und links an den Straßenrand, lässt sein Leben Revue passieren, überdenkt, wie seit langem schon, die Gedanken Nietzsches und findet sich, plötzlich und ungeschützt, am Ende, in einer sehr ungewohnten Position wieder. Als „Farewell Angelina“ von Joan Baez (natürlich in Vinyl) aufgelegt wird.

 

Von der technologischen Entwicklung in Relation zur soziologischen des Menschen, von Fragen der Rache und ob es so etwas wie Gerechtigkeit überhaupt geben kann, von Beobachtungen der Sattheit der Gegenwart (in Vegas) bis hin zum Abgleiten der Kultur in völlige Belanglosigkeiten (überall), von der Frage nach der Bedeutung von Lebensgeschichten und möglicher Empathie überhaupt bis hin zur Bewertung alter Hippie Zeiten, bunt und quer durch die Themen der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit treiben die philosophischen Betrachtungen des erstaunlich coolen Billy. Sprachlich mit Tempo, einem präzisen und differenzierten Sprachschatz erzählt und emotional das Innere dieses Mörders auslotend, gelingt es einzlkind fast spielend, den Leser durchgehend an diese so andere, besondere Romanfigur zu binden.

 

„Onkel Seamus sagte nur, ich sollte tief Luft holen und mir ordentlich den Kopf verdrehen lassen, ganz ohne Drogen“. Und dann drückte Seamus dem jungen Billy Nietzsches Werke  in die Hand.

 

„Die Philosophie half nicht unbedingt, meinen Zustand zu verbessern“, leitet den Mann aber von Jugend an zur Nachdenklichkeit an, nichts einfach nur hinzunehmen, sondern hinter die Fassaden zu schauen. Beim Bingo ebenso, wie bei diesem Indianer mit seinem Wolfshund. Fassaden, hinter denen Belanglosigkeiten viel eher warten, als tiefe Erkenntnisse. Aber dafür gibt es ja Billy.

 

Und das ist, was auch am Ende des Romans stehen wird. Aber ob das Ganze Sinnen über die Dinge des Lebens und des Todes dann vergebene Mühe war? Oder ob die Belanglosigkeit einfach siegt über die Tiefe, wie es das Ende nahe legt, und dennoch eine gewisse Tiefe den Menschen zum Menschen macht, egal, wie es ausgeht, das sind nachhängende Fragen, die dem Leser nicht so schnell Ruhe geben werden.

 

Wobei das Ende dennoch einfach zu kurz ist. Und zu kurz kommt. Nur am Rande (im Nachgang zu verstehen) angekündigt, in einer kurzen Sequenz im Buch, in dem der Leser ansonsten über weite Strecken nicht weiß, worauf die Geschichte letztlich überhaupt hinauslaufen soll und wird.

 

Aber letztlich ist das schon wieder als Kompliment zu verstehen, dass nach Ende der Lektüre für gefühlte hundert Seiten Lust an der Lektüre noch vorhanden gewesen wären.


M.Lehmann-Pape 2015