dtv 2012
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Elena Chizhova – Die stille Macht der Frauen

 

Vom großen Mut

 

Es war keine einfache Zeit für Menschen, gerade weibliche, die anders dachten, anders waren. Für Frauen, welche die Individualität und die innere Freiheit als Wert nach oben setzten und dementsprechend lebten. Nicht nach außen, unbedingt, wohl aber im ,Kleinen“, im Inneren.

Es war keine einfache Zeit für so etwas Ende der 50er Jahre im Russland kurz nach dem Tode Stalins, in dem Misstrauen, Gleichschaltung, Diktatur herrschte.

 

Keine einfache Zeit also für Ariadne, Glikerija und Jewdokia, jene drei älteren Frauen, von denen dieses leise, hintergründige und berührende Buch vor allem handelt. Drei Frauen, die gar nicht anders können, als dem ihnen anvertrauten Kind, Susanna, genau jene Werte angedeihen zu lassen und vorzuleben, die ihnen selbst wesentlich und wichtig sind. Das kränkliche Kind einer Mitbewohnerin, das besondere Betrauung zu Hause benötigt. Eine Betreuung, die Antonia, die Mutter, nicht leisten kann mit ihrer Berufstätigkeit. Und später nicht mehr in ihrer Krankheit.

 

So nehmen die Dinge ihren Lauf, kümmern sich die drei Frauen, schöpfen dabei aus ihrem eigenen Leben, das immer ein Stück anders verlief als das durchschnittliche Leben in Russland. Lebenswege, die ebenfalls im Buch erzählt werden, die immer wieder eingestreut werden in die Haupthandlung des Schutzes des Kindes und, später, der Versorgung der Mutter Susannas. Ein Schutz, der gefährlich und drängend wird, als Antonia, die Mutter, schwer erkrankt und später stirbt und dem Kind das russische Kinderheim droht, vor dem die drei Frauen das Kind nach allen Regeln der Kunst und mit all ihren (kleinen) Möglichkeiten zu bewahren gedenken. Frauen, die ihren christlichen Glauben nicht ablegen im strikt atheistischen Umfeld der Sowjet-Gesellschaft. Die ihre Möglichkeiten und ihre Bildung nicht hinten anstellen, um einfach nur aus Angst zu funktionieren.

 

Drei Babuschkas mit Angst, ja, aber auch mit Kraft und Mut, mit Findigkeit und Durchhaltevermögen. Gegenüber einer gefährlichen Atmosphäre mit einer Mischung aus Kontrolle und Misstrauen.

 

„„Wieso“, frage ich, „darf man das nicht?“ „Doch“, antwortet sie, „bei uns darf man alles. Bloß muss man es dem Gewerkschaftskomitee melden““.

 

Ganz hervorragend versteht es Elena Chizhova den Leser hinein zu nehmen in diese dumpfe, drückende, und mit Angst besetzte Atmosphäre jener Zeit Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre im sowjetischen Russland. Und ebenso hervorragend lässt sie den Leser immer tiefer eintauchen in das Leben und die Persönlichkeiten ihrer Protagonisten, bei denen so manches nicht wirklich heroisch oder auch nur sympathisch im Raume steht, deren Kampf für sich selbst aber jederzeit anrührt. Sprachlich nicht immer einfach und im Ablauf er Ereignisse braucht es schon ein wenig Konzentration, all die Puzzleteile und kleinen Hinweise auf die Geschichte der Protagonisten einander zuzuordnen, eine Mühe aber, die sich lohnt in dieser Geschichte von Mitmenschlichkeit und innerem Leben unter schwierigen Bedingungen.

 

Drei alte, nicht einfache Frauen mit einem nicht einfachen Schicksal, die an diesem Kind und für dieses Kind noch einmal aufblühen und zu kämpfen bereit sind, mit keinen Mitteln und mit einem großen Teil an innerer Zuwendung. Eben mit der „stillen Macht“ der Frauen, die Chizhova wie nebenbei herausarbeitet und immer mitschwingen lässt.

 

M.Lehmann-Pape 2012