Piper Verlag 2018
Piper Verlag 2018

Elia Barceló – Das Licht von Marokko

 

Sprachgewaltiger Entwicklungsroman mit düsterer Familiengeschichte

 

Nein, man spricht schon lange nicht mehr darüber. Das Leben ging und geht weiter, immerhin befinden sich Helena Guerrero ziemlich „Oben“ in ihrem Schaffen als Künstlerin, das Leben könnte nicht besser laufen, zumindest, wenn ein Außenstehender die Malerin, ihr Schaffen und ihren Erfolg betrachtet.

 

Und doch, ganz mit sich im Reinen ist die Frau nicht. Was sich auch in ihrem Werk, in den Motiven, in ihren diffusen Gefühlen, was die Vergangenheit angeht, niederschlägt.

 

Vielleicht ist ja die Feier einer Hochzeit im Rahmen ihrer Familie da ein fröhliches Gegengewicht. Doch statt Zerstreuung und eines einfach schönen Festes werden am Ort der Feier alte Wunden sichtbar, machen sich pochend bemerkbar, Spuren aus der Vergangenheit tauchen auf und das nie geklärte Verbrechen um en Tod ihrer Schwester bricht sich Bahn in die Gegenwart. Auch wenn das alles bereits 50 Jahre zurückliegt, seit damals ist es so, als wäre ein Teil des Herzens der Künstlerin herausgerissen.

 

Und so ist dieser Roman tatsächlich, trotz des vorgerückten Alters der Hauptfigur, ein Entwicklungsroman. Eine Reise zu sich selbst. Ein Kriminalfall, der aus persönlichen Gründen nun endgültig nicht mehr ruhen darf und in dem, Schritt für Schritt auf der Spurensuche, was damals wirklich geschehen ist und wer der Täter ist, Helena das alte Träume beginnt, aktiv zu verarbeiten, auch um innerlich heil werden zu können.

 

Wobei sich Barceló gründlich im Leben Helenas und ihrer Familie umsieht, die Familiengeschcihte aus den 30er Jahren heraus zu erzählen beginnt und mit je wechselnder Perspektive und in verschiedenen Zeitebenen im Buch Hartes und Weiches, bewusst Schadendes und Leidendes vor Augen führt, was alles den Leser immer tiefer in den Bann der Ereignisse zieht und die Spannung im Blick auf die Lösung der bald vielfältig im Raume stehenden Fragen durchweg im Buch erhält.

 

Alte Geschichte, verdeckte Ereignisse, vieles, was einander angetan wurde, was stückweise zu Tage trägt, immer wieder auch für überraschende Wendungen sorgt und, sprachlich sehr gelungen, auch die Atmosphären der jeweiligen Zeiten zwischen Marokko (wo das Verbrechen geschah) und Spanien einfängt.

 

Ein Buch auch, in dem, wieder einmal, und das sprachlich hervorragend und psychologisch ausgereift, verdeutlicht wird, dass der Mensch seinen Frieden innerlich nicht finden wird, wenn er nur versucht, die bedrängenden, schwierigen Erlebnisse zur Seite zu schieben. Die Seele meldet sich durchgehend und der Preis, der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen zu wollen ist hoch. Für die Malerin Helene, aber ebenso für die verschiedenen Mitglieder ihrer Familie, die, jeder und jede auf ihre Weise, ebenso ja über fünf Jahrzehnte versucht haben, das Geschehen lieber nicht mehr zur Sprache zu bringen und die Hintergründe im Dunklen zu belassen.

 

 

Eine hervorragend zu lesende, anrührende und berührende, teils auch spannende Lektüre. Ruhig erzählt und nichts für Leser, die innerlich ständig auf Tempo drängen, dafür aber gründlich alle Verästelungen innerlich wie äußerlich sorgfältig ausleuchtet.

 

M.Lehmann-Pape 2018