dtv 2010
dtv 2010

Elisa Albert – Was ist in dieser Nacht so anders?

 

Nichts läuft, wie geplant

 

In 10 Erzählungen beschreibt Elisa Albert gegenwärtiges, durchaus alltägliches Leben und in diesem die Suche nach geistiger Orientierung im jüdischen Leben des heutigen Amerika.

Bei all den geschilderten Anlässen, bei denen es zumeist um jüdische Feierlichkeiten oder hervorgehobene Situationen geht, läuft nun wirklich nichts, wie es gedacht oder geplant war. Eine Reibung entsteht zwischen der traditionellen und lange Jahrhunderte wie geschmiert laufenden Lebens- und Gestaltungsweise jüdischer Bräuche und den mehr und mehr auftretenden Schwierigkeiten und Reibungen in der modernen Zeit einerseits mit den alten Traditionen, anderseits mit der modernen und weltlichen Lebensweise viele Juden in Amerika (und natürlich auch anderswo).

 

Sei es beim großen Fest der Beschneidung für den kleinen Luca, bei dem alles für den großen Augenblick vorbereitet ist, nur die Mutter hat sich mit den kleinen Luca besorgt im Zimmer eingeschlossen. Mehr und mehr eskalierend scheitert der Vater daran, die Tradition in harmonischer doch noch zu retten. Währenddessen die blutrünstige Gesellschaft ungeduldig darauf wartet, endlich was erleben zu können.

Oder Rachel, eine moderne junge Frau, die durchaus als Jugendliche eine der ersten Adressen für Nachhilfeunterricht in Bezug auf Oralverkehr gewesen war, jede jüdische Feier geschwänzt hatte  und nun ihre „Bewusstseinsseele“ entdeckt hat. Aber alles wird anders, nun, wo sie einen gläubigen jüdischen Mann zu heiraten gedenkt. Ihre beste Freundin versucht zu retten, was zu retten ist und kann doch nur fassungslos vor der plötzlichen Wandlung resignieren.

Ebenso schwierig, ein inneres Gleichgewicht zu halten, ergeht es der jungen Frau, die auf einer jüdischen Beerdigungsfeier in die Geister der Vergangenheit versinkt und mehr mit den Verhältnissen untereinander beschäftigt ist, als mit den Riten und Traditionen der Feier.

 

Junge Menschen sind es, von denen Elisa Albert berichtet. In klarer, ungeschminkter, manches Mal durchaus ordinärer, immer aber direkter Sprache. Menschen, die zwischen den Zeiten stehen, einerseits eingebunden in eine jahrhundertealte Tradition, andererseits in ein offenes, modernes Leben, geprägt von Karriere, Sex und Offenheit.

Klar, dass nichts an den alten Feiern und Traditionen einfach so noch läuft und funktioniert wie ehedem, sondern sich in steter Reibung mit der modernen Alltagswelt der Protagonisten befindet.

Dennoch lässt Elisa Albert spüren, wie sehr die Verankerung in der geistigen Heimat des Judentums noch wirkt, obwohl die klassischen Feiern und Feste auch für die Protagonisten immer wieder zutiefst befremdliches in sich tragen.

 

Geschichten ohne Happy End, ohne Glättungen am Ende sind es, in denen manches Mal die Gedanken, Gefühle und Ereignisse ohne Auflösung verbleiben. Offene Geschichten, deren Tenor und deren innere Suche über die Seiten des Buches hinaus reichen und noch lange offen verbleiben werden. Hierbei sind nicht alle Erzählungen auf gleich hohem Niveau angesiedelt, aber alle tragen jeweils ein interessantes Thema in sich.

Die Charaktere sind dabei durchweg gut getroffen und können in ihrer inneren Verwirrung ohne weiteres nachvollzogen werden.

 

Eine sprachlich überzeugende Sammlung von Geschichten, in denen die gegenwärtige Befindlichkeit junger, jüdischer Menschen (zumindest in Amerika) überaus verständlich zu Tage tritt und, über diesen engen Bereich hinaus, auch generalisierend das Thema von Tradition und moderner Welt, innerer Heimat und äußerer Bereitschaft zur stetigen Veränderung mit schwingt. Gerade durch die klare, hier und da drastische Sprache, kommen die handelnden Personen und das Geschehen nahe.

 

M.Lehmann-Pape 2010