Klett Cotta 2010
Klett Cotta 2010

Elisabeth Binder – Der Wintergast

 

Poesie der Gemeinschaft.

 

Ein wunderbares, poetisches, bildkräftiges Buch hat Elisabeth Binder in gewohnt hochwertiger, treffender, poetischer Sprache verfasst, die jedem einzelnen der auftretenden Charaktere einfühlsam gerecht wird.

 

Die Geschichte von dem Maler Andreas, dem kranken Adler und der schönen Frau Maddalena, eingebettet in der majestätischen und ebenfalls sprachlich bestens geschilderten Natur eines abgeschiedenen Bergdorfes an der Grenze zwischen Italien und der Schweiz künden von dem großen Abenteuer der Begegnung mit der Wirklichkeit.

 

Das Leben selbst ist es, das Elisabeth Binder feiert, jene Wirklichkeit, auf die man Tag für Tag trifft und die bei geöffneten Augen doch, welch treffendes Wortspiel, unbekannter und größer denn bekannter und kleiner wird.

 

Andreas ist der eigentliche Protagonist des Buches, der zunächst alles andere als die Wirklichkeit im Sinn hat, als er sein Zimmer im Palazzo des Dorfes bezieht, um dort den Winter zu verbringen. Auf Einladung einer Gönnerin ist er dort, die helfen will, seine Schaffenskrise zu beheben.

 

Zu sich finden, zu sich als Künstler, das ist seine Aufgabe in der Abgeschiedenheit, die mit bedacht gewählt wurde. Abgeschieden eben von jener Welt, jener Wirklichkeit, in der sein künstlerischer Funke zu ersticken drohte. Wer hätte gedacht, dass gerade an diesem gottvergessenen Winkel der Berge er die Wirklichkeit in all ihren Farben antreffen wird und bestaunen lernt. Nicht jene Wirklichkeit der lärmenden Technik und der umfassenden Zerstreuung, sondern die wirkliche Wirklichkeit der Liebe und der inne liegenden Gemeinschaft der Menschen des Dorfes. Einer Gemeinschaft im Schatten hoher Berge, ein Ort mit ganz besonderen, andren Lichtverhältnissen, für die gerade Andreas als Maler empfänglich ist und doch nicht zu seiner Besinnung kommt. Zunächst zumindest nicht.

 

Denn als erstes trifft er auf einen verletzten Adler, der im Dorf einen Pflegeplatz gefunden hat, initiiert von Maddalena, der unbekannten Schönen. Schritt für Schritt nähert sich der eigentlich Zurückgezogenheit suchende Künstler dieser eng gerahmten Welt. Seite für Seite begleitet ihn Elisabeht Binder und lässt dabei die Geschichte der Bewohner sich entblättern. Der menschlichen und tierischen Bewohner, wohlgemerkt.

 

Und wie das so ist, zunächst mit Misstrauen betrachtet, tauen die wenigen Bewohner des Dorfes dem Fremden gegenüber doch mehr und mehr auf. Als um die Weihnachtszeit dann ein Kind im Dorf verschwindet, ist Andreas dann mitten drin. Teil der sich sorgenden Gemeinschaft. Und bleibt doch nicht auf Dauer. Aber er fliegt gut weg im gelben Postbus, das ist was zählt, auch im Abschiedsschmerz.

 

Ein Kammerspiel ist es, dass Elisbaeth Binder als Form im eigentlichen Sinne wählt. Ein beschränkter Raum, eine überschaubare Zahl an Personen und das wichtigste der Geschichte geschieht im eigentlichen Sinne nicht in den äußern Ereignissen, sondern in den inneren Haltungen und Erlebnissen, die in vielfältiger Form miteinander verflochten sind, sich beeinflussen und bedingen und im gesamten einen wunderbaren Teil der Wirklichkeit abbilden. Die meist sogar unausgesprochene Nähe in einer Gemeinschaft, das Leben in und mit der Natur, die zaghaften und stärker werden Gefühle, die den Maler Andreas letztlich wieder in das Licht seiner Möglichkeiten führen werden und nicht in einem unpassenden, schwülstigen Happy End ausufern.

Ein wunderbares Buch über das Leben und die Kraft der Gemeinschaft.

 

M.Lehmann.Pape 2010