Ullstein 2014
Ullstein 2014

Elisabeth Elo – Die Frau, die nie fror

 

Interessante Personen in dichter Atmosphäre und spannender Geschichte

 

Sowohl das „Personal“ als auch das jeweilige „Milieu“ der jeweiligen Ereignisse vermag Elisabeth Elo in ihrem Debütroman sehr differenziert, bildkräftig und atmosphärisch dicht zu schildern und auf den Weg durch diese Geschichte zu schicken.

 

Sei es raue Welt der Fischer Bostons, die abgleitende Welt der besten Freundin, die „Parfümwelt“ der (verstorbenen) Mutter Pirio Kasparovs, der Hauptperson des Romans, aus deren Perspektive Elo die Geschichte schildert.

Sei es Thomasina, die beste Freundin seit Schulzeiten, Alkoholikerin, hart auf Drogen und Sex, mit vielfachen Abstürzen, sei es Noah, der neunjährige Sohn Thomasinas, dessen Vater Ned gerade einem dramatischen Unglück auf dem Meer zum Opfer fiel.

Sei es die Stiefmutter Pirios oder ihr klarer, direkter, in der „alten russischen“ Welt innerlich geprägter Vater, Milosa und die vielen anderen Figuren mehr, die Pirio auf ihrem Weg begegnen werden.

 

„Sam Spade hat gesagt: „Wenn der Partner eines Mannes ermordet wird, muss der Mann etwas tun.““.

Einfach Worte, die Milosa in seiner klar geordneten, inneren Welt Pirio an die Hand gibt. Worte, die sie zunächst abtut, aber dann doch für innere Unruhe sorgen werden.

 

Denn sie war ja dabei. Auf dem Fischerboot mit Ned, das im Nebel von einem Frachter gerammt wurde und versank. Von Ned seitdem keine Spur mehr und sie selber plötzlich sehr im Mittelpunkt.  für eine Fernsehshow, für das Militär gar, denn noch nie war von einem Menschen bekannt geworden, dass er über vier Stunden im kalten Wasser überlebt hat und das noch ohne irgendwelche Schäden.

 

Pirio ist „die Frau, die nicht friert“, die nicht auskühlt. Sie ist aber auch die Frau, deren Wohnung in ihrer Abwesenheit Besuch erhält, die sich fragt, wo eigentlich das Laptop Neds abgeblieben ist und warum es keine konkrete Auskunft über den Frachter zu geben scheint.

 

Eine einfache “Fahrerflucht auf See“? Das soll es gewesen sein?

 

Pirio macht sich an die Nachforschungen. Sie will wissen, welches Schiff sie gerammt hat, warum Unstimmigkeiten auftauchen, was das alles war.

Während sie zudem sich allerdings mehr und mehr intensiv sich auch um Noah kümmern muss, miterlebt, wie Thomasina weggleitet aus dem erwachsenen, verantwortlichen Leben.

 

Weite Wege wird sie gehen im Zuge ihrer Suche nach der Wahrheit. Vor allem aber immer wieder auf Personen treffen, die, jede für sich, sehr prägnant und differenziert von Elo im Buch eingeführt werden.

Personen, die in ebenso differenziert beschriebenen Milieus sich bewegen. Von der eher „reichen“ Seite der Gesellschaft Bostons hin zu den schmallippigen  Fischern, vom Umfeld Neds über alte Geliebte Pirios hin zu kantigen Menschen in äußerst kalter Umgebung.

 

Bis hin zu Pirio selbst und ihrer ganz besonderen Eigenart, zumindest äußerlich nicht zu frieren. Egal, wie kühl es wird. Dem ihre innere Suche nach Wärme durchaus korrespondiert.

 

So vermischt Elo in sehr anregender Weise Thriller-Elemente in der Frage nach dem „Warum“ des Unfalls mit fesselnden Persönlichkeiten, die in gleicher Weise nahe kommen, den Leser auch hier und da abstoßen, für Emotionen sorgen und einer dichten Atmosphäre an den verschiedenen Orten und in den verschiedenen Leben, die im Buch je eine gewichtige Rolle spielen.

 

 

Alles in allem ein, auch sprachlich, gut erzähltes, spannendes Buch mit breiter und fesselnder Darstellung der Figuren, der Orte und des jeweiligen Umfelds.

 

M.Lehmann-Pape 2014