Berlin Verlag 2014
Berlin Verlag 2014

Emily Perkins – Die Forrests

 

Ein merkwürdiger Familienroman

 

Der Begriff „unübersichtlich“ beschreibt am ehesten den Eindruck, den der Leser bei diesem Familienroman über eine ganz besondere, ein wenig „haltlos“ zu nennende Familie, von Beginn an erhält. Ein Eindruck, der sich durch das gesamte Buch hindurch ziehen wird. Ein Buch, das aneinanderreihend einfach den Alltag der Figuren, vor allem der Hauptfigur, nachvollzieht. Die Jahre, die vergehen, die Verluste, die neuen Bindungen, die Fragen nach dem Sinn, dem Sein und dem Gefühl einer kaum verhüllten Sinnlosigkeit all dieses Tuns.

 

Hier und da inhaltliche, auch zeitliche Sprünge, Rückblicke im Vorblick (auf das Ende des Vaters, als dieser eigentlich noch ganz munter seinen breiten „Raum einfordert) und eine gewisse Form der Unzugänglichkeit zu den Personen, machen es dem Leser nicht einfach, jederzeit auf der Höhe der äußeren, vor allem aber der inneren Ereignisse zu sein.

 

Der vielgerühmte und gepriesene „Forrest-Treuhandfonds“, von vorhergehenden Generationen erwirtschaftet, entpuppt sich zu Beginn der Ereignisse mehr und mehr als eine Luftblase. Einer der Gründe, warum die Familie mit vier Kindern von New York, dem „Mittelpunkt der Welt“ nun in Neuseeland aufschlägt. Mit einem Vater, der sich vor allem um eines kümmert, nämlich sich selbst. Mit schwankenden Launen, mit hochfliegenden Plänen, mit wenig, was er in dieser Welt dann als „Theatermann“ wirklich einzusetzen hätte. Denn eigentlich langweilt er die Zuschauer und bekommt so kein Bein auf den Boden (wie auch beim Leser, im Übrigen)

 

Während Lee, die Mutter, ebenso seltsam diffus, im Familienverband ihre Kreise zieht und ebenso selten für den Leser als Person wirklich fassbar in den Raum tritt.

 

Da ist Dorothy, die Hauptfigur der Geschichte, doch von etwas anderem Kaliber. Sie macht und tut, sie kümmert sich zumindest im Ansatz auch um äußere Belange, versucht mit ihren Geschwistern, die jeder und jede auf seine und ihre Weise in einer ganz eigenen Welt leben, die dünnen Fäden der Zusammengehörigkeit zu halten.

 

Und geht mit Daniel, einem Freund des Bruders, eine Beziehung ein. Die im Übrigen in der umkreisenden, auch sprunghaften Sprache der Autorin zwar begleitend im Raume steht, aber eben auch ein stückweit nicht wirklich fassbar wird. Wie vieles in diesem Buch.

 

Irgendwie läuft das Leben vor sich hin. Geht hierhin und dorthin, wird zunehmend bestimmt vom Geldmangel, führt zu einer Aufteilung der Familie, als die Eltern doch wieder in Amerika „ihr Glück“ suchen. Ein „Dahin-Laufen“ des Lebens, das arbeitet Perkins spürbar heraus, dass fast wahllos den Zufällen des Lebens nachgeht, dass zu neuen Familiengründungen führt, zu Verlusten von alten Bindungen und letztlich doch fast im Belanglosen verbleibt.


Erst ein Todesfall rüttelt zumindest Dorothy ein stückweit wach. Lässt sie das Geschehen reflektieren, vage Antworten suchen und baut im zweiten Teil des Buches mehr und mehr Düsternis und Trauer auf über eben die Belanglosigkeit und die reine Egozentrik aller Beteiligten, vor allem der Eltern. Eine Dorothy, die als einzige wohl sich überhaupt auf die Suche nach sich, nach ihrem „Leben in sich selbst“ gemacht hat und mit Mühe eine Haltung zu ihrem Leben gewonnen hat, die mehr in sich trägt, als das „Verleben der Tage“.

 

Diese Bitterkeit ist es am ehesten, die dem Buch und den Ereignissen späterhin einen roten Faden gibt, den Leser durchaus mit ergreift im Blick auf eine fast Sinnlosigkeit  und Wahllosigkeit allen Geschehens, wenn nicht Verantwortung auch für das Leben der anderen, Anvertrauten übernommen wird.

 

 

Ein nicht leicht zu lesender Roman, der des Öfteren bis zum Schluss hin auch ratlos zurücklässt, im Stil nicht einfach zu lesen ist und dennoch hier und da den Leser auffordert, einen Schritt aus dem eigenen Alltag zu treten und das eigene „Beziehungsleben“ zu überprüfen.