Steidl 2011
Steidl 2011

Eugene MacCabe – Tod und Nachtigallen

 

Hoffnung und Enttäuschung

 

„Das letzte Mal  sind Sie hereingekommen, haben sich auf mein Bett gesetzt, mich auf unväterliche Art geküsst und dann etwas gesagt, das ich lieber nicht wiederholen möchte“.

 

Elizabeth Winter hat es nicht leicht. Gerade nicht mit dem Adressaten Ihrer Worte. Billy Winter. Ihr offizieller Vater. Doch jener Billy hat es nicht versäumt, an allen Orten herum zu erzählen, dass seine verstorbene Frau, die Mutter jener Elizabeth, genannt Beth, von jemand anderem bereits schwanger war, nicht von ihm. Und das jene Beth auf keinen Fall etwas zu erwarten hätte von ihm, vor weniger noch ein Erbe.

Eindeutig böse und hasserfüllt aber ist er auch wiederum nicht, jener Billy Winter, erfolgreicher Händler, gewiefter Beziehungsknüpfer.

 

„Lass und ein anderes Mal reden, ich mach es wieder gut“, ist seine Replik auf den Anwurf durch Beth just an ihrem 25. Geburtstag an diesem sonnigen Tag im Frühling 1883 in Irland. Durchaus zu schätzen zumindest weiß jener Billy seine Beth nämlich, wenn er im nüchternen Normalzustand ist. Ganz abgesehen von der unterschwelligen erotischen Anziehungskraft, welche die junge Frau auf ihn ausübt. Ist er aber oft nicht, im Normalzustand. Der Malt Whiskey rinnt eifrig durch seine Kehle, mit Folgen. Folgen, die seine gewalttätige Natur freisetzen, die seine Verletzung durch seine Freu und dieses „Bastard Kind“ ungeschmälert Raum finden lässt.

 

Alles in allem, Beth würde diesen Billy Winter wesentlich lieber tot als lebendig sehen und hat für ihr Leben im familiären Käfig bereits einen Fluchtplan entwickelt. Billy hat ihr seinen Safe gezeigt. Versucht, einen Mann für Beth zu finden, doch niemand scheint gut genug in den Augen seiner Tochter. Doch auch hier täuscht sich Billy. Beth hat durchaus einen Mann gefunden. Heimlich. Und sie weiß, wo die Schlüssel zum Safe verwahrt sind. Und sie weiß, wie ohnmächtig ihr Vater nach reichlich Alkohol ins Bett sinkt.

 

Das alles wird sie ausnutzen, die Schlüssel nehmen, die kanadischen Goldmünzen aus dem Safe entwenden und mit Liam, ihrem heimlichen Geliebten, ein neues Leben beginnen. Weit weg, dorthin, wo Billy sie nicht finden wird.

Soweit der Plan. Doch nicht nur Billy lebt ein auf sich bezogenes Leben, auch in Liam täuscht sich Elizabeth, wie sie schmerzhaft erfahren wird.

 

Ein Tag ist es, den Eugene MacCabe schildert. Ein Tag, der es nicht nur von den äußeren Ereignissen her in sich hat. Die große Stärke MacCabes ist es, die inneren Vorgänge seiner Figuren zu beschreiben, die Lebensgeschichten zu erzählen, die Erinnerungen der Figuren in klarer, bildhafter, in Teilen fast poetischer Sprache offen zu legen und somit all die Ereignisse, welche die Verhältnisse hervorgerufen haben, mitzuteilen. Ebenso klar und fast mit spielerischer Leichtigkeit gelingt ihm eine präzise Charakterisierung der Personen. Wie er den Kantor der Gemeinde in seinen Motiven, seinen tiefliegenden, grausamen Gefühlen, seinen Ränkeschmieden und seinen idealistischen Zielen in wenigen Sätzen darzustellen vermag, das hat Klasse. Wie die Personen in ihrer Vielfalt sich darstellen und wie sie miteinander verwoben sind, Eugene MacCabe gelingt es, ein komplexes Bild zu entwerfen von fast unentrinnbar aneinander haftenden Fäden, allseits dennoch verbunden mit der Hoffnung auf ein anderes, besseres Leben, auf Veränderung.

 

Eine Hoffnung, welche die Figuren auch auf das äußere Leben bezogen in sich tragen. Der Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken, zwischen irischer Freiheit und britischer Herrschaft in den Tagen vor der Trennung des Landes, spielt in allem, was geschieht, eine durchaus tragende Rolle. Auch dies bettet MacCabe sorgsam in den Ablauf der Ereignisse ein und schafft so ein düsteres und bedrückendes Bild innerlich und äußerlich unfrei lebender Menschen auf allen Seiten.

 

Ganz wie nebenher gelingt MaCabe zudem noch der Aufbau einer hohen Spannung. Seitenweise fiebert der Leser mit, ob es Beth gelingen wird, dieser Fron zu entkommen und ebenso undurchsichtig und unvorhersehbar bleibt der Roman bis fast ganz zum Schluss. Mit einem fulminanten und überraschenden Ende.

 

Dieser schon ältere Romane bildet inhaltlich wie literarisch einen großen Wurf und hat es verdient, nun wiederum intensiv wahrgenommen zu werden.

 

M.Lehmann-Pape 2011