Piper 2011
Piper 2011

Eva Lohmann – Acht Wochen verrückt

 

Was ist schon normal?

 

Nicht nur, aber auch ein Indiz dafür, dass der äußere Erfolg und das vermeintlich gut geregelte äußere Leben noch lange kein Garant für inneres Glück, Zufriedenheit und Lebensenergie sind, ist dieser Roman von Eva Lohmann.

 

Wie sonst könnte es passieren, dass eine offenkundig mitten im Leben stehende  junge Frau, durchaus mit Erfolgen im Beruf und mit einer zunächst einigermaßen anregend wirkenden Beziehung zu einem Mann ausgestatteten, sich zu Anfang des Buches im Eingangsbereich einer psychosomatischen Klinik wieder findet? Übrigens schon in diesen Anfangssequenzen weiß Eva Lohmann nicht nur sprachlich, sondern auch sachlich zu überzeugen. Dass der Mode Begriff „Burn Out“ nichts anderes bezeichnet als eine tief sitzende Depression, nur eben etwas schicker klingt, das nimmt die Autorin durchaus auf. Denn Mila Winter, die Protagonisten, hat genau dies attestiert. Depression. Burn out. Und es ging nicht mehr weiter. Mit dem Leben, dem aufreibenden Beruf.

 

Von jetzt auf gleich quasi findet sie sich wieder in dieser Gegenwelt der Klinik. Zunächst mit allem, was der „normale“ Mensch so an Vorurteilen mit sich bringt, es ist nicht einfach, sich dem ganz anderen Lebensrhythmus dort, den Mitpatienten, dem Fachpersonal einigermaßen zu öffnen. Vor allem, weil Mila, natürlich, zunächst davon ausgeht, dass sie ja die „Normale“ und „die da“ alle die Merkwürdigen seien. Es dauert, sich selber zumindest realistischer erkennen zu können. Mila muss zu allem Übel durchaus noch akzeptieren, dass ihr Umgang mit Tabletten das „normale“ Maß bei weitem überschritten hat. Und muss ebenso erkennen, dass auch die Selbstverständlichkeiten  ihres Lebens in ihren Beziehungen nicht dass sind, von dem sie stillschweigend einfach ausgegangen ist. Wie tragfähig kann denn eine Beziehung sein, wenn einen der Lebenspartner konsequent in der „Klappse“ nicht besuchen kommt? Oder wenn die eigenen Eltern sich bemühen müssen, nicht allzu kritische Blicke auf ihre Tochter zu werfen, denn „keiner von denen, die an einen solchen Ort kommen, ist doch normal, oder?“.

 

So verbindet Eva Lohmann, sprachlich versiert und die innere Entwicklung der Personen Situationen genau nachvollziehend und dem Leser verständlich mitteilend, zumindest zwei Schwerpunkte in ihrem Roman. Das eine ist die Entwicklung der Mila Winters. Eine Entwicklung, die durchaus Anklang findet und finden wird, denn die Situation der jungen Frau ist breit bekannt in modernen Zeiten und Lebenswelten. Ein fordernder Beruf, der „mit Haut und Haaren“ beansprucht (wenn man was werden will und das muss man doch, oder?).

Lebensbeziehungen, die manches Mal dann doch nur für die „Schönwetterzeiten“ und den“ auf keinen Fall stressenden“ täglichen Ablauf reichen, ansonsten schnell Brüche aufweisen. Sich dies alles einzugestehen, zu merken, dass man auf Dauer nicht nur „Funktionieren“ kann, nicht immer nur dass aus sch herauspressen lassen kann, was „die anderen“ ständig erwarten.

 

Dieser Weg zu sich selbst und zu einer „gesunden“ Einschätzung der eigenen Möglichkeiten inmitten des „kranken und irren“ Umfeldes, dass ist der eine Strang der Geschichte. Mit dem sich umgehend die Frage der Bewertungen verbindet. Wie ist das, wenn die „Verrückten“ eigentlich die sind, die beginnen, zu sich selber zu finden und die „Normalen“ jene, die tagaus tagein nur in ihrer eigenen, kleinen Welt alles versuchen, die im Raume stehenden Erwartungen zu erfüllen. Und darunter dann „Glück“ verstehen. Wie Milas Eltern es ihrer Tochter doch tief gönnen würden.

 

Ein Debüt, dass in klarer Sprache und gut zu lesen sich eines innovativen, anderen Themas annimmt und durchaus allgemein wichtige Impulse mit auf den Weg zu geben versteht.

 

M.Lehmann-Pape 2011