Berlinverlag 2014
Berlinverlag 2014

Fabian Hirschmann – Am Ende schmeißen wir mit Gold

 

„Nachreifen“

 

Eigentlich war es für Max nur als kurzes, langweiliges Intermezzo in den Sommerferien gedacht. Eher auch, weil er keine Ausrede findet, sich nicht entziehen kann.

 

Statt in Bremen verbringt der junge Lehrer nun die ersten 14 Tage der Ferien in seinem kleinen Heimatort im Schwarzwald. Irgendwo in der tiefsten Provinz, in der selbst sein Handy nur mit Mühe an bestimmten Ecken einen Balken findet.

 

Kaum angelangt, wird er nicht nur von seinem alten Hund, sondern auch von einem lauten Knall begrüßt. Ein Geräusch, dass ihn nun im Übrigen für eine ganze Weile lange immer wieder überraschend verfolgen wird (und nicht immer scheint es, als wäre es tatsächlich ein Jäger, denn manches Mal hört nur eher dieses „Peng“).

 

Doch von wegen langweilig, zumindest innerlich wird Max durchaus aus seinem antrainierten Phlegma gerissen, in dem ihm höchstens brachiale Gewaltphantasien noch innere Bewegung verschaffen. Seine beiden wichtigsten Jugendfreunde sind ebenfalls wieder im Dorf. Dauerhaft.

 

Jan, den er als gerade pubertierendes Kind fast erwürgt hätte aus Eifersucht.

Und das damalige „Objekt der Begierde“, Marie, mit der Max bis vor einiger Zeit eine Beziehung führte. Welche Marie beendet hat.

 

Und nun wohnt diese Marie auf einem Hof mit Jan und anderen „Alternativen“ zusammen? Haben die was? Geht da was? Ginge da noch was mit ihm?

 

Mit einem Kloß im Hals und gerne ein wenig zu viel Alkohol im Blut stellt sich Max der Situation. Und wird überraschendes Erleben, vor allem aber tief vergrabenes in sich Entdecken. Sich all dem stellen müssen, als die Ereignisse eine dramatische Wendung nehmen, die Max nach Griechenland und, später dann, nach New York führen wird.

 

Locker, frisch, mit einer sehr, sehr klaren Sprache lässt Fabian Hirschmann diese innere Entwicklung des jungen Mannes vor die Augen des Lesers treten.

 

Weniger ein breit angelegter Entwicklungsroman ist es, den Hirschmann hier verfasst, sondern ein konkreter, nadelspitzer Blick auf das, was viele junge Erwachsene (vielleicht nicht in dieser auch innerlich dramatischen Form) noch ausmacht. Ein „Nachreifen“ steht an. Ein echtes Ankommen im nun erwachsenen Leben. Denn, und hier trifft Hirschmann durchaus einen Nerv der Zeit, jener Max ist ja kein Einzelfall mit seinem „irgendwie Beruf“, von dem er nicht sonderlich überzeugt ist („man macht halt was“).

 

Kein Einzelfall damit, dass Erlebnisse der späten Kindheit samt „mit Gold schmeißen“, rasender Eifersucht, Liebeskummer, Unsicherheit dem „coolen Freund“ gegenüber, Verdrängen von Todesfällen präsenter und bestimmender noch für die Person der Gegenwart sind, als dieses vermeintliche „Angekommen-Sein“. Was seine alten Kinderfreunde eh bereits aufgegeben haben. Aber auch in ihrer Welt und für sich den Kopf nicht dauerhaft in den Sand stecken können.

 

Sich stellen. Sich und der Welt. Miteinander stärker sein als jeder nur für sich. Und verstehen, dass das „bespucken“ von Enten wirklich keine Heldentat und keine dauerhafte Beschäftigung mehr ist, dafür braucht es für den einen überraschende „Knalle“ und weite Reisen, für den anderen die Öffnung von Briefen, Mahnungen und Rechnungen, für wieder andere ganz anderes.


Was Hirschmann hier und da mit einigen logischen Brüchen und zu großen Zufällen erzählt, dennoch aber in seiner frischen und präzisen Sprache die Dinge auf den Punkt trifft.

Eine empfehlenswerte Lektüre über das „Wirklich-Erwachsen-Werden-Müssen“.

 

M.Lehmann-Pape 2014