Berlinverlag 2017
Berlinverlag 2017

Fabian Hischmann – Das Umgehen der Orte

 

Präzise und emotional dichte Schilderung vom Suchen und Finden in der Liebe

 

Das ist schone ein ganz eigene „Schreibe“, in der Hischmann sich eher assoziativ den einem roten, strukturierten Faden folgend seinen Themen nähert und dennoch das Thema, die Liebe, Sehnsucht, besonders in homosexueller Form in diesem neuen Roman, keine Sekunde aus den Augen verliert. Und dies durch Episoden hindurch durchdekliniert, bis dem Leser deutlich wird, dass hinter diesem vordergründigen Thema vor allem die Entwicklung vom Kind über die Zeit als Jugendlicher bis hin dann zum, mehr oder minder, „gereiften“ Erwachsenen dem Buch seine Richtung mit vorgibt. Wobei auch hier kein großes Drama im Raum stehen wird, sondern eher ein fast zufälliges „Ankommen“ in bestimmten Lebensumständen geschieht.

 

Eher noch, das Überflüssige, das „Drumherum“, Rahmengeschichten und sexuell explizite Schilderungen beachtet Hischmann kaum. In das Innere seiner Personen dringt er ein und wendet diese Innere in ruhigen Stil nach Außen, bietet dem Leser viel Fläche, sich emotional den Personen zu nähern.

 

Ausgehend von der jungen Jugend, vom Klopfen von Nägeln, suchen nach Verstecken, Abenteuer im Kopf, „bunte Pflaster“ an den Fingern.

 

„Wir nannten uns Bande. Wir ahnen noch nichts“.

 

Sei es die „dicke Lisa“, der nie kalt wird, die immer schwitzt, die im Sommer auf der Eisbahn der Stadt gerne sitzt, um sich abzukühlen. Die Ihren Vater mit einer selbst konstruierten Schlinge tot auf der Toilette findet. Kein Selbstmord, sondern eine „danebengegangen“ sexuelle Technik.

 

Die sich in die ebenfalls jugendliche Anne verliebt, doch diese stille Sehnsucht, zunächst zumindest, nicht erfüllen werden kann.

 

Bevor nun der Leser sich zu sehr auf Lisa und Anne einlässt, folgt ein klarer und direkter Schnitt.

 

14 Jahre nach den Ereignissen um Lisa steht Niklas im Raum. Gerade volljährig. Gerade dabei, Abstand zu gewinnen von seinem Geliebten. In einer zoologischen Station. Und doch unruhig, die bestimmten Stellen im Park aufsuchend, dann doch gehend, hin- und hergeworfen zwischen Angst, Sehnsucht, Lust. Und das immer zugleich, wie auch Hischmann es durchgehend ganz hervorragend versteht, den Leser immer „zugleich“ in Emotionen gegensätzlicher Natur zu halten.

 

„Wusstest Du eigentlich, dass wir ein Eskimokind haben“ lässt den Leser mit einschwingen in eine fast rührende Vater-Tochter Beziehung, nur um im nächsten Abschnitt das Finden der Leiche des Vaters ungerührt und distanziert zu schildern.

 

„Sein Penis sah aus, wie eine dicke Raupe“.

 

Genauso, wie der Leser Niklas gerne folgt im Umgang mit den Seehunden.

„Sie sieht trächtig aus“.

Nur um einen Satz später ebenso anregend erläutert zu bekommen, dass „der Tumor mittlerweile Embryogröße“ haben dürfte.

 

Das ist, was Hischmann im Buch als Struktur vorgibt. Dass wenig so ist, wie es scheint, dass die einfache Welt aus Kinderaugen betrachtet dieser einfachen Struktur nicht folgt. Dass Sehnsucht, zärtliche Momente und „wie vor den Kopf geschlagen werden“ eng beieinanderstehen, zeitgleich den Raum einnehmen.

 

Bis dann zum Ende hin die verschiedenen, bis dahin isoliert beschrieben, Personen doch eine Gesamtschau ergeben werden, zumindest für den Leser die weitere Lebensgeschichte je deutlich werden wird.

 

 

Ein Buch mit ganz eigener Atmosphäre und in ganz eigenem Stil, dass den Elser immer wieder emotional auf eine Achterbahnfahrt mitnimmt, gerade durch die sehr ruhige, fast lakonisch wirkende Form des Erzählens.

 

M.Lehmann-Pape 2017