Arche 2010
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Fabrizia Ramondino – La Via

 

Veränderungen im Dorf

 

Im letzten Roman der 2008 verstorbenen Schriftstellerin Fabrizia Ramondino kommt ein Kapitän, von einer Krankheit erst langsam genesend, eher durch Zufall aufgrund eines Freundes, in das Dorf Acraia. Eines jener Dörfer Italiens, in dem die Zeit scheinbar nicht weiter gerückt. Das soziale Netz im Dorf samt derer, die etwas außerhalb stehen, samt jener, die mehr als wunderlich sind und auch jener, die weit in der Lebendigkeit vergangener Tage zu leben scheinen.

 

Langsam entspinnen sich Kontakte, wie es so ist, erst langsam. Denn natürlich ist ein fremder, stattlicher Mann etwas besonderes im Dorf, andererseits aber auch eben ein Fremder. Ein Kontakt, der viele Geschichten und Geschichten ans Tageslicht bringt, Geschichten aus der Vergangenheit des Dorfes, von der Straße „La Via“, der Hauptstrasse des Dorfes, an der Leben stattfindet, die viele hat kommen und gehen sehen. Geschichten, die der Kapitän, der dem Buch als Ich-Erzähler seinen zusammenhaltenden Rahmen gibt, zunächst vom Hörensagen kennenlernt, im Lauf der Zeit aber aus den Mündern so mancher Einwohner näher kennenlernen wird. Geschichten, die zwar vertraulich sein sollen, aber doch eher so etwas wie offene Geheimnisse darstellen. Ein Redebedürfnis haben sie alle, die Bewohner, die der Kapitän näher kennenlernt und eine Vielzahl von Geschichten, Verwicklungen, offenen und versteckten Verbindungen untereinander treten so in den Raum. Unter der Oberfläche der dörflichen Gemeinschaft pulsiert das Leben durchaus.

 

Denn vieles ist im Fluss, beginnt sich zu ändern. Die moderne Zeit hält Einzug in das Dorf und die Köpfe seiner Bewohner, vor allem durch das Fernsehen, dass oft und intensiv im Dorf genutzt wird. So brechen alte Traditionen weg, junge Menschen verlassen das Dorf, um in der weiteren und bunteren Welt da draußen ihren Weg zu suchen. An der Gestalt des Hirten Bartolomeo zeichnet Ramondino exemplarisch das Zusammentreffen von alter und neuer Welt und Lebensweise. Bartolomeo ist ein Prototyp des ungebeugten, kämpferischen, anarchistisch eingestellten Vollblutitalieners, doch auch er wird mehr und mehr eingefangen. Von seiner Frau, die ängstlich die Sicherheiten des Lebens sucht, von seiner zunehmenden Isolation mit seiner Haltung und Lebensweise in einer Welt, die sich nach dem Schönen und Glitzernden hin ausrichtet und das schnelle Geld viel eher anstrebt als gesellschaftliche Veränderungen und ein freies Leben.

 

In wunderschöner, bildreicher, in Teilen fast poetischer Sprache schildert Ramondino ihr Dorf, der modernen Zeit ausgesetzt. Eine ihrer besonderen Stärken kommt auch in diesem Roman zum tragen, ihr Gespür für das persönliche, menschliche und ihre Möglichkeiten, Personen einprägsam zu skizzieren. In den vielen Redeanteilen des Buches taucht der Leser mit ein in die innere Welt der Protagonisten, ihre verschiedenen Lebenshaltungen und die, damit einhergehenden, Beziehungen zueinander. Beziehungen und Haltungen, die sich um die Person des Kapitäns hin aufbauen, sich teils an ihm brechen und ihn teils mit hineinziehen, wie seine intuitive Nähe zu Rituzza, der Frau aus der Nachbarschaft. Dennoch ist es auch für ihn nicht einfach, in diesem ständigen Fluss der Worte und Selbstdarstellungen den Überblick und Haltung zu wahren.

 

Die Reibung zwischen althergebrachter Lebensweise, Überzeugung von sich selbst, das gerne über andere Reden, gepaart mit Veränderungen, neuen Zielen und einer gänzlich andren Lebensweise gibt dem Buch seine Grundspannung. In all dem lässt das Buch den Leser einen tiefen Blick erhaschen auf das tradierte Leben Italiens, die Veränderungen der modernen Zeit und eine ganze Reihe äußerst eigenwilliger Personen. Durchaus empfehlenswert, wenn auch nicht durchgängig leicht zu lesen ob der vielen Redeanteile und des damit einhergehenden Mangels an klarer Handlung.

 

M.Lehmann-Pape 2010