S.Fischer 2018
S.Fischer 2018

Felicitas Hoppe – Prawda

 

Sprach-Wucht und Lebensbetrachtungen en Masse

 

Die alte Weisheit, dass es „die Wahrheit“ nicht gibt, sondern nur unter den unermesslich vielen kleinen Handlungen, Lebensweisen, Überzeugungen, Symbolen der Menschen vielleicht so etwas wie einen „roten Faden des Lebens“ oder eine „differenzierte Wahrheit“ zu finden wäre, diese Erkenntnis trifft in diesem sprachgewaltigen Buch den Leser mit Wucht.

 

Wobei schon die ersten Seiten dem jeweiligen Leser zeigen werden, ob er sich auf der Sprachebene Felicitas Hoppe einfinden kann oder nicht. Denn so dicht, eigen, assoziierend und ständig fast schon gedrängt „auf Beobachtung“, was Land, Leute und Begebenheiten angeht, verbunden mit kleinen, historischen Rückblicken und allgemeinen Einsichten ins Leben und dessen Verlauf, wie Hoppe in diesem Roman mit unerschöpflicher Sprache vor Augen führt, dass muss man schon mögen, um nicht den roten Faden in all dem zu verlieren.

 

Ursächlich hatten, vor 80 Jahren, zwei russische Schriftsteller, Ilf und Petrow, den Weg vorgegeben. Einmal von Westen nach Osten durch die USA mit Abstechern nach Nord und Süd, um Land und Leute während der Autotour in Augenschein zu nehmen. Wohl aus Spionagegründen für die damalige UDSSR. Was den beiden, im Übrigen, letztlich auch nicht geholfen hat in ihrem geliebten Moskau. Das aber nur am Rande.

 

Nun nimmt Hoppe selbst die Fahrt in Angriff.  Will den Spuren der beiden folgen. Und reist doch mit ganz anderem Blick. Was schon damit beginnt, dass die Auswahl des Fahrzeuges und eines eventuellen Mitreisenden in besonderer Form stattfindet. Dann aber mit Red Ruby, dem Ford Explorer, mit AnnAdams, der Besitzerin, mit Jerry, der „Fotografin von Bräuten am Straßenrand, mit Forma, dem „Copiloten“ der dringend immer ans Steuer möchte und Becky, die man erst langsam näher kennenlernen wird, startet der Motor.

 

Allein die Reisegruppe ist schon in sich spannungsgeladen und je in den Personen interessant genug für einen ganzen Roman, samt Auto selbst.

„Kein Zweifel möglich; Red Ruby hatte sich mit Sedric verbündet und in ein autonomes Auto verwandelt“.

Was weit hergeholt ist und so nicht stimmen wird, was aber mit der Vernetzung des Autos vielleicht zusammenhängen könnte. So dass die Frage, ob vorher, am Ende der Reise, tatsächlich ein Festmahl im weißen Haus mit chinesischen und neuseeländischen Diplomaten und „König und Königin“ samt Lang Lang am Klavier wirklich so stattgefunden hat, oder ab Hoppe hier in überbordender Fantasie dem Leser vor allem das „Thanksgiving“ aus der Sicht des Truthahns dringend nur nahebringen wollte.

„Des allamerikanischen Wappentiers, das alle essen, weil es keiner liebt. Selbstverständlich und unvermeidlich“.

 

Was nur einen winzigen Einblick in die rasant vorbeifließenden Themen und Begegnungen des Reiseromans darstellt, der sich auch dem ersten Mann auf dem „elektrischen Stuhl“ widmet wie dutzenden, hunderten anderer, abseitiger Ereignisse und Begebenheiten, die einen ganz anderen „Mainstream“ der modernen, amerikanischen Welt ergeben, als er in den Medien ansonsten vorwiegend betrachtet werden kann.

 

Mit präzisen und poetisch beschriebenen, den Nagel auf den Kopf treffenden Betrachtungen des modernen Lebens und Menschen.

 

„Doch wo immer wir uns Quartier aufschlugen, Königin Jerry legte den Rucksack gar nicht erst ab, sondern öffnete…..sofort den Uaberkasten, um den magischen Zugangscode einzugeben….Kam der Kontakt nicht zustande, wurde sie unruhig“. Denn was ist der Mensch heutzutage, ohne Internetzugang, social media, Mails und Nachrichten aller Art?

 

 

Ganz eigen im Stil, intensiv und dicht zu lesen, eröffnet Hoppe ein Kaleidoskop an Eindrücken, die in ihrer schieren Masse schon beeindrucken, in ihrer sprachlichen Reflektion dann im Buch den Leser umgehend in den Bann schlagen. Wie gesagt, wenn man sich auf diesen besonderen Stil einlässt.

 

M.Lehmann-Pape 2018