Kiepenheuer und Witsch 2017
Kiepenheuer und Witsch 2017

Feridun Zaimoglu – Evangelio

 

Dicht dabei in der Kammer der Wartburg

 

„Hauptmann von Berlepsch, Burgvogt und mein Obriger, ruft, ich tret an zum Bericht“.

 

Alltag für den Landsknechten Burkhard, Wache auf der Wartburg bei Eisenach.

 

„Krieg ist Mannfressen. Bin in Fehden zerrrieben worden. Hab etliches Volk gelöscht, Hab Kopf von den Achseln geschlagen“.

 

Von Beginn an wird klar, Zaimoglu beherrscht Sprache und Atmosphäre jener Zeit mit traumwandlerischer Sicherheit.

 

Und noch mehr. Zaimoglu ist ebenso treffsicher in der Lage, die inneren Entwicklungen jener Tage an der Person des Burkhart und manch anderer im Roman auftretender Charaktere mit Wucht aufzuzeigen.

 

Die „schwefligen Worte“, die „Meister Martinus durch List dem alten Feind abgetrotzt hat“, die er in einer Kammer der Burg in Form seiner Übersetzung der Bibel zugänglich macht für „das gemeine Volk“, so es lesen kann.

 

Ein lauter Schaffensprozess, ein Ringen mit dem Teufel leibhaftig, auch mit Ächzen und Stöhnen und, vor allem, die Fundamente der geordneten Welt der Zeit erbeben lassen.

 

Denn Burkhard ist eine klare, einfache Seele, damit ein Symbol so gut wie aller Menschen jener Zeit in den europäischen Breitengraden und keineswegs (zunächst auf jeden Fall) beseelt von Luther oder diesem Werk. Gut katholisch, so ist man.

 

„Sie haben sich vor allen anderen der besseren Christlichkeit verschrieben“.

 

Und nun dies. Ist das der Teufel in Menschengestalt oder ein neuer Heiliger? Ist das Blendwerk oder Erkenntnis, was Meister Martinus da verrichtet? Und wie kann das angehen, dass jener gerade und einfach denkende Burkhard nun so eng an diesen bebenden, von innerer Flamme scheinbar angetrieben Mann gebunden ist, eine Art Leibwächter und Beschützer dessen, der die bekannte Welt spürbar ins Wanken jetzt schon bringt?

 

Es benötigt nur wenige Seiten, und der Leser ist mittendrin. In dieser Kammer, in der gerungen wird, in diesem Landvogt, der hin- und hergerissen ist, in der Sprache, der Gefahr, der Ahnung, das hier bahnbrechendes auf den Weg gebracht wird, dass wie eine „fremde Macht“ die Feder des Mönches führt. Worte, die dieser durch das Buch spürbar und in keiner Weise despektierlich oder lächerlich für den modernen Menschen leibhaftig „dem Teufel abtrotzt“.

 

Ein wirkliches Ringen mit allen Schattierungen, mit wuchtiger Sprache auch im Roman, mit menschlich-allzu menschlichem und doch mit heiligem Feuer auch, das stellt Zamioglu bestens auf den Seiten seines Romans dar und vermittelt so einen ungeschminkten, direkten, griffigen und packenden Zugang zu jener kurzen Zeitspanne, in der aus „derben Umständen“ und wuchtiger, ebenfalls nicht zimperlicher Sprachen und Umgang miteinander, eine neue geistige Welt geschmiedet wurde.

 

 

Der Roman ist eine sprachliche Glanzleistung und über die verwendete Sprache hindurch dann auch atmosphärisch auf den Punkt getroffen, wie es damals wirklich zugegangen sein wird, dieses Ringen mit sich selbst und Teufel und Dämonen, dem Luther in seinem Selbstverständnis nicht ausweichen konnte, denn Gott selbst trieb ihn ja voran.

 

M.Lehmann-Pape 2017