dva 2014
dva 2014

Fiona Mcfarlane – Nachts, wenn der Tiger kommt

 

Weggleiten….

 

Die Stärke dieses Debüt-Romans ist, dass er  den Leser ganz mit hineinnimmt in den „Kopf von Ruth“ und ihn mehr und mehr teilhaben lässt an der „Verwaschung“ der Realität der alten, alleinstehenden Dame. Und das sehr gekonnt, in einer Sprache, die sich nicht dem Tempo der „Lösung“ verpflichtet, sondern der Gründlichkeit der Darstellung.

 

Alter, sich abschwächende Erinnerungen, Demenz, bis hin zu Fantasien eines „Tigers im Haus“, die gekonnt zwischen Realität und Illusion gehalten werden.

 

Für Ruth, die alte Dame, ist dieser Tiger genauso real wie jene Frida, die sich als behördliche Pflegekraft vorstellt und den Alltag Ruths von da an gestaltet. Aber wer hat sie bestellt? Beauftragt?

 

Ruths Sohn Jeffrey war es nicht, soviel scheint klar. Aber auch er prüft nicht genauer, wer oder was Frida ist, er hat genug damit zu tun, die offenkundigen Probleme seiner Mutter möglichst weit von sich fern zu halten und Frida scheint ihm da sehr nützlich zu sein.

 

Wer ist Frida und was will sie? Das ist eine der zentralen Fragen dieses Buches, die ihrer Auflösung harren. Die andere betrifft, natürlich, den Tiger.

 

„Er war ihr versprochen worden und ihr treu geblieben“. Ein Tiger, der sich an entscheidenden Momenten nur um sich selbst zu kümmern scheint.

„Er schwenkte den trägen Kopf nur zu seiner anderen Flanke und leckte sie ab. Er definierte seine Streifen“.

 

In langen Erinnerungsblöcken erfährt der Leser über das Leben von Ruth, über ihren verstorbenen Mann Harry, der nicht der einzige Mann in Ruths Leben war (wenn nicht die Erinnerungen trügen), während in der Gegenwart die burschikose Frida das Szepter in die Hand nimmt und auch hier nicht immer klar ist, ob das zu Ruths Bestem oder zu ihrem Schlechten sein wird. Während Jeffrey, als Symbol für sicher so manche erwachsene Kinder alternder Menschen, sich lieber aus dem Abbau der geistigen Kräfte seiner Mutter versucht, herauszuhalten.

 

Auf der anderen Seite ist die Stärke des Buches im Lauf der Lektüre auch die Schwäche des Buches. Da dem Leser bis fast ganz zum Schluss nur wenig äußere Anhaltspunkte gegeben werden, verläuft man sich quasi mit in all den Vorstellungen Ruths und findet sich kaum zurecht in dem, was Realität ist, was abgeänderte Erinnerung sein mag und was reine Fantasie des Erlebens darstellen könnte.

 

Da sind die Rückblicke fast schon hilfreich zu nennen, denn aus diesen ergibt sich eher ein Bild der Persönlichkeit Ruths und so mancher Bezug auch zur Gegenwart. Für den auch Ellen steht, eine Frau, die später hinzutreten wird, ohne aber tatsächlich noch eingreifen zu können.

 

 

Alles in allem ein stückweit zu verwirrend, um den roten Faden vor Augen zu halten, mit sehr intensiv und ausführlich gezeichneten Personen und einem fühlbaren „Weggleiten“ aus der Realität, aber auch mit Längen, Unklarheiten und sehr bedächtiger, daher sehr langsamer, teils zäher Erzählweise.

 

M.Lehmann-Pape 2014