Hanser 2016
Hanser 2016

Frédéric Zwicker . Hier können Sie im Kreis gehen

 

Mitreißend von der ersten Zeile an

 

„Hunde sind mir zu menschlich mit ihrem Gepolter; Gehechel und Gebell“.

 

So sieht das Herr Kehr mit seinen 91 Jahren. Und noch viel mehr sieht der Mann, was den Zuschauer umgehend berührt, emotional abholt und mitten hineinversetzt. Nicht nur in die Lage des Herrn Kehr, sondern auch in seine misanthropisch scheinende, im Blick auf die ein oder andere Person seines Lebens aber doch auch mit einem weichen Kern versehene, Persönlichkeit.

 

In raschen Wechseln der Kapitel, die allerdings allesamt sich um Herrn Kehr drehen (mal aus der Ich-Perspektive innerlich erzählt, mal in kurzen, äußeren Beobachtungen gesetzt) wird langsam, aber sicher deutlich, was diesen gestandenen, zähen, geistig vor allem gesunden Mann, dazu gebracht hat, sich (intensiv vorbereitet) in dieses Pflegeheim auf die „Fast-Demenz“ Station bringen zu lassen.

 

Ein Überdruss an Leben einerseits, klar. Ein kühler, oft verächtlicher Blick auf „die Menschen“ in ihrem Gewusel, ihren Wichtigkeiten, ihrer Selbstbezogenheit.

 

Daneben aber auch das Ringen um Fassen ob all der Verluste. Frau, Sohn, alle Freunde des ehemals stattlichen Freundeskreises.

 

Erinnerungen an das eigene Leben tauchen auf und werden eingeflochten, wie ebenso, unprätentiös und kurz, aber mit jedem Satz treffend, der „Alltag auf Station“ trocken und zynisch geschildert wird.

 

Die „Tee-Schwemme“ genauso, wie der „Harem“ des einzig noch sexuell aktiven Mannes auf der Station (beim Rest ginge da nichts mehr, beim besten Willen nicht).

 

Und die Weichheit des Mannes lugt ebenso, knapp, klar, mitreißend, um die Ecke all des Erzählten. Seine Enkelin Sophie, das ist sein Augenstern. Und bei dieser wird sich auch der Grund finden lassen, warum er in diesem Heim den Dementen (zunächst zumindest) nur „spielt“.

 

„Sophie, diese Geschichte ist für Dich, Ich erzähle sie Dir, weil Du sie nicht hören kannst“.

 

Weder kitschig, noch sentimental wird Zwicker bei all dem in seiner Erzählweise, noch zu distanziert oder kühl. Immer bleibt er persönlich im Ton und folgt seiner Hauptfigur durch die Betrachtungen des Lebens, in eine gewisse, wenn auch leicht zynische (aber überaus ansprechende und passende) Altersweisheit hinein. Folgt Kehr bei seinen „Hobbys“, anderen Streiche spielen (der verbissenen und gefühlskalten „christlichen Missionarin“ auf der Station, dem „Dessert-Klau“ und vielem anderen) und erschafft so mit Verve ein echt4es, fassbares, emotional dichtes Leben, das vor den Augen des Leser in und um diesen Herrn Kehr herum entsteht,

 

„Wer mich kennt, hält das hier für einen Epilog…… ist in Tat und Wahrheit ein neuer Film, Quais eine optische Täuschung“.

 

Wobei, „das Angenehmste an Pflegeheimen ist, das nur wenige Insassen nachtragend sind. Dazu fehlt ihnen das Erinnerungsvermögen“.

 

Mit Momenten auch, bei denen der Leser schlucken muss. Wenn Sophie zu Besuch kommt und Kehr aus Liebe seine Rolle konsequent durchhält. Wenn der ungeschönte Blick auf diese „letzte Station“ im Leben der Bewohner drängend in den Raum tritt. Wenn Kehr an seinen Sohn Paul, an die eigene Kindheit denkt, all die Dramen seines Lebens.

 

Bis dann Annemarie einzieht. Mit der Herrn Kehr etwas besonders verbindet, was einiges in ihm und auf der Station ändern wird.

 

Ein sprachlich ganz hervorragender, genau im richtigen, anfassenden Tonfall erzählter Roman mit einem sehr besonderen Sujet und einer überragend gezeichneten Hauptfigur.

 

 

Eine Perle von Debüt-Roman.

 

M.Lehmann-Pape 2016