Blessing 2011
Blessing 2011

 Francesca Melandri – Eva schläft

 

Der Versuch der Bewahrung einer nationalen Identität

 

In Romanform wendet sich Francesca Melandri einem durchaus bis heute gewichtigen Teil italienischer Geschichte zu. 1918 hat das Ende des ersten Weltkrieges weitreichende Folgen für Europa und auch das ehemalige Königreich Südtirol mit seiner deutschen Sprache und vielfachen Traditionen, die geprägt waren durch die deutschsprachigen, vor allem österreichischen Nachbarn jenseits des Brenners und weniger durch die italienische Lebensart, verliert seine Eigenständigkeit, wird Italien zugeschlagen und befindet sich fortan unter dem Druck der Assimilation. Eine Vorgang, gegen den sich Südtiroler zu Zeiten auch mit Gewalt versuchten, zu wehren. Ein Kampf um die eigene Identität, der faktisch durchaus in der Gegenwart als erfolgreich zu bezeichnen ist. Von der Sprache über die Alltagswelt bis hin zu den Traditionen ist Südtirol sicherlich der „deutscheste“ Teil Italiens geblieben.

 

Diese historische Entwicklung nimmt die Autorin durchaus fundiert und gut recherchiert in einem Erzählstrang ihres Buches auf, der in der Vergangenheit angesiedelt ist und in dem Gerda, die Mutter Evas, die tragende Rolle spielt. Gerda, die in den unruhigen Zeiten nach dem ersten Weltkrieg, im beginnenden und dann um sich greifenden Faschismus Italiens hautnah die Bedrängung Südtirols miterlebt und den damit einhergehenden Versuch, die eigene Freiheit zu bewahren, die aber inmitten dieser Zeit auch als alleinerziehende Mutter einen persönlich harten Weg gegen die Normen der Gesellschaft zu gehen hat. Ein Weg vieler Fährnisse, der eine starke Persönlichkeit braucht, um ihn zu gehen. Eine solche ist und hat Gerda, die als Figur durch Melandri überzeugend und empathisch aufgebaut ist. Ebenso überzeugend, wenn auch in Teilen ein wenig kitschig, entfaltet Melandri die Liebesgeschichte zwischen Gerade und Vito, die in den Repressalien gegen den südtiroler Freiheitsdrang  eine Bewährungsprobe auf sich zukommen sieht, die zur Trennung führen wird.

 

Der zweite Erzählstrang des Buches siedelt in der Gegenwart an. Das Kind Gerdas, Eva,  ist zu einer gestandene, erwachsenen  Frau in mittleren Jahren herangewachsen, die ihr Leben ähnlich gegen den Strich der Konventionen lebt, wie dazumal ihre Mutter. Zwar hat Eva kein uneheliches Kind, aber eine langjährige Affäre mit einem verheirateten Mann. Ansonsten pflegt sie überaus ihre Unabhängigkeit und Eigenständigkeit. Doch auch Eva wird im Verlauf des Buches, beginnend mit einem Päckchen, dass zu Anfang ihr zugestellt werden soll, mit der Vergangenheit ihres Volkes konfrontiert und findet ihren ganz eigenen Zugang zu dieser Geschichte, die sie selbst ein gutes Stück als Person mitprägte.

 

Neben den fundierten, geschichtlichen Details und der überzeugend gezeichneten Familiengeschichte samt der diese tragenden Personen, hat das Buch allerdings eine ganze Reihe von Längen aufzuweisen. Sowohl die ausufernden Landschaftsbeschreibungen, wie auch die kleinteiligen Geschichtsstunden im Buch sind einfach zu lang geraten und an sich nicht jedermanns Sache. Trotz der emotionalen Dichte, die die Autorin ihren Figuren zu verleihen versteht, ist das Schicksal dieser Familie auch nicht originär genug, um ein solche umfangreiches Buch vollständig zu füllen. Eine Straffung hätte dem Buch daher durchaus gut getan.

 

Dennoch lohnt die Lektüre über dieses Stück jüngerer Zeitgeschichte mit all seinen Einblicken in die wechselhaften Entwicklungen Italiens aufgrund der lebendigen Erzählweise und der sorgfältig gestalteten Personen, die den Leser mitten hinein nehmen in diese Zeiten des Kampfes für  die Freiheit inmitten mittlerweile weitgehend überholter Konventionen durchaus, wenn es auch nicht in allen Teilen zu fesseln versteht.

 

M.Lehmann-Pape 2011